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DEUTSCHER WOHNALLTAG IM GRÜNDERZEITALTER
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Beitrag:
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Dipl.-Ing. (FH) Jörg Preißler - Architekturbüro Preißler
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Einleitung - Wirtschaftliche, soziale und gesellschaftspolitische Hintergründe
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Mit der Industrialisierung und der damit verbundenen Urbanisierung zwischen der Mitte des vorherigen Jahrhunderts und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurden nicht nur jahrhundertelang vertraute Haus- und Wohnformen radikal und auf Dauer verändert, sondern zugleich die damit zusammenhängenden Familien- und Arbeitsverhältnisse entscheidend umfunktioniert. Städte wurden zu Großstädten, Stadtviertel und Vororte bildeten sich heraus. Segregation sozialspezifischer Wohnviertel und Konzentration gewerblicher Standorte führten verstärkt zur Trennung von Wohnen und Arbeiten.
Durch die Ansiedlung von Industrie strömte die Landbevölkerung in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Städte und stillte damit den rasant ansteigenden Hunger der Fabriken nach billigen Arbeitskräften. Die Masse der Arbeiter ließ wiederum neue Fabriken entstehen, die ihrerseits wieder die Menschenmassen anzogen. Ein unglücklicher Kreislauf begann, denn die Armut verlagerte sich lediglich vom Lande in die werdenden Großstädte. Die rasante Dynamik bei der Verstädterung hatte gleichzeitiges explosives Bevölkerungswachstum zur Folge. In Chemnitz beispielsweise hat sich die Bevölkerungszahl zwischen 1875 und 1890 nahezu verdoppelt und zählte damals schon 139.000 Einwohner. Man konnte die neu in die Stadt strömenden Menschen nicht mehr in den vorhandenen Wohnmöglichkeiten unterbringen. Die Wohnungsnot traf die neuen Zuwanderer, die große Schar der ungelernten Arbeiter und deren Familien, aber auch nennenswerte Teile des Kleinbürgertums. Letztlich bedeutete geringes Einkommen zugleich eine schlechte Wohnung, egal welcher sozialen Klasse man angehörte. Im späten 19. Jahrhundert bestand die Bevölkerung der Großstädte zu 90 Prozent aus Mietern. In Städten wo die Wohnungsnot grassierte, standen Mieter und Vermieter in keinem anderen Verhältnis zueinander als dem von Herren und Hörigen. Einen Mieterschutz gab es praktisch nicht. In Erwartung immer höherer Gewinne wurden Mietverträge meist nicht länger als auf ein Jahr abgeschlossen. So vollzog sich vor allem nach 1880 ein kontinuierliches Wachstum obdachloser Familien. Die entstandene Wohnungsnot warf eine Wohnungsfrage auf, welche zu großen Teilen eine Arbeiterwohnungsfrage war.
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Ausgewiesen!
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Die Mietskaserne
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Obwohl die extreme Wohnungsknappheit keine kontinuierliche Begleiterscheinung der Urbanität war und sich nur periodisch ausbildete, führte sie in ihren mehrere Jahre andauernden Hochzeiten zu einer immer stärker werdenden Gewinnmaximierungsstrategie der Bauherren. Begünstigt und gefördert durch eine unzureichende und einseitig orientierte Bauordnung führte sie ab den 1870er Jahren in den meisten deutschen Städten zur Entwicklung des „modernen“ Massenmietshauses. Die Mietskaserne war neben dem bürgerlichen Mehr-familienwohnhaus und der gründerzeitlichen Stadtvilla eine der drei prägendsten Wohnbautypen des aus-gehenden 19. Jahrhunderts.
Die Bezeichnung der Mietskaserne wurde in Anlehnung an den spartanischen militärischen Wohnstandard und die oft kasernenartige Gleichmäßigkeit der Häuser geprägt. Optisch waren die Mietskasernen bürgerlichen Wohnhäusern nachempfunden. Sie hatten die Gestalt eines dicht an die Straße gebauten, oft siebenachsigen Hauses, mit vier über dem Erdgeschoss aufgetürmten Stockwerken und einem Kellergeschoss. Häufig wurde über ein Pult-/Mansarddach zum Hof hin entwässert. Längs des schmalen Hofes hatte das Vorderhaus zwei Seitenflügel, in welchem bescheidene Treppen durch die Stockwerke führten und die Vorderwohnungen von den Hinterwohnungen trennten. Nicht selten waren auch noch diese Seitenflügel durch ein weiteres Quergebäude auf dem Hof verbunden. In Berlin beispielsweise erreichten die Mietskasernen Ausmaße von bis zu drei Hinterhöfen, wobei sämtliche Gebäudeteile der Bauhöhe des Vorderhauses gleichkamen. Wie es um Belichtung, Lüftung und Wohnqualität der rückseitigen Bebauung aussah bedarf keiner allzu großen Vorstellungskraft. Die Hinterhäuser waren oftmals verfallen und abgewohnt. Sie boten Platz für viele Familien und beherbergten häufig noch kleine Gewerbebetriebe. Die letzten Gebäude eines Komplexes waren meist das Verwaltungsgebäude mit Büros und Gemeinschaftseinrichtungen, wie beispielsweise der Badeanstalt.
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Straßenansicht – Mietskaserne mit drei Hinterhöfen, Schönhausener Allee 62 B in Berlin

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Erster Hinterhof

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Zweiter Hinterhof
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Dritter Hinterhof

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Trotz alledem war die Mietskaserne heterogen bewohnt. Vom Proletarier bis zum Kleinbürger waren alle Klassen vertreten. Das Vorderhaus mit seinen reichen Stuckverzierungen, repräsentativen Balkonen und großen Wohnungen bot den besser verdienenden Facharbeitern oder kleinbürgerlichen Familien angemessenen Wohnraum. In der sogenannten Beletage1) wohnte zumeist der Vermieter oder Hauseigentümer. Diese eine Wohnung belegte häufig die gesamte Fläche des ersten Stockwerks und bot erstaunlichen Luxus. Innerhalb der Wohngebäude gab es nochmals eine sozialräumliche Trennung nach Stockwerken, wobei hier die Wohnqualität vom ersten Stockwerk aufwärts und abwärts abnahm. Somit waren Keller- und Dachwohnungen die übelsten Behausungen einer Mietskaserne wie eine Untersuchung der Wohnverhältnisse der ärmeren Bevölkerungsklassen in Berlin von 1893 belegt:
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„Der sehr enge, schmutzige Hofraum ist von vierstöckigen Gebäuden umgeben. Indem wir uns umsehen, bemerken wir im Hinterhaus die Fenster einer Kellerwohnung, die kaum über die Hoffläche hinausragen. An der Tür befindet sich ein Zettel mit dem Namen der Einwohnerin, einer Witwe. Wir öffnen die Tür, eine schmale, steile Treppe führt uns in die Tiefe des Kellers, der aus der sogenannten Küche und einer Stube besteht. In der dumpfen Moderluft stockt der Atem, und so dunkel ist es hier, dass man den Weg tastend suchen muss. In der Stube brennt die kleine Lampe. Wir treffen die Familie beim Mittagsessen, die Hauptmahlzeit des Tages, welche die Mutter soeben aus der Armenküche geholt hat. Während sie und die drei Kinder ihren Hunger stillen, sehen wir uns das Kellerloch, das diesen Menschen zur Wohnung dient etwas genauer an. Die Küche ist ein enger Gang, der von der Treppe ausgeht und in dessen Hintergrund sich ein abgenutzter Herd befindet. Von dem Hahn der Wasserleitung tropft das Wasser auf den Boden. In der Stube sind die beiden Fenster wie zum Hohn auf frische Luft und helles Sonnenlicht angebracht, die in diese Tiefe niemals eindringen. Das eine Fenster darf des nahen Hofklosetts wegen überhaupt nicht geöffnet werden. Drei Betten, ein kleiner Tisch und eine Kommode beengen den Raum so sehr, dass man kaum begreift, wie vier Menschen darin Platz finden können. Die Frau macht bei ihren vierzig Jahren den Eindruck einer Sechzigjährigen, sie ist mit der Hausreinigung beauftragt, wofür sie sich den Luxus dieser Wohnung unentgeltlich gestatten darf...“[1]
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Kellerwohnung - Innenansicht
In diesem Wohn- und Schlafraum hauste das Ehepaar 28 Jahre lang. Lausitzerstraße 41 in Berlin, ca. 1893

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Kellerwohnung - Außenansicht
Einzigstes Fenster unter der Treppe zum Zigarrenladen. Lausitzerstraße 41 in Berlin ca. 1893

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Dachwohnung
Eine eiserne Bettstelle, ein Schuhmachertisch und ein zerbrochener Stuhl bilden das einzige Mobilliar. Das Dachfenster ist 45 cm hoch und 60 cm breit. Der alte Schlafrock des Mieters ersetzt das Deckbett. Miete 4,00 Mark monatlich. Seitengasse 7 in Breslau, 1905

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Auf dem Chemnitzer Sonnenberg beispielsweise stellten die Mietskasernen den größten Anteil der Wohnbebauung und obwohl die Dimensionen der Hinterhöfe und damit die Anzahl der berüchtigten Keller- und Dachwohnungen bei weitem nicht mit denen von Berlin „konkurrieren“ konnten, kann davon ausgegangen werden, das auch Chemnitz im Gründerzeitalter menschenunwürdigen Wohnbestand zu bieten hatte. Nicht ohne Grund stellte die 1907 geschaffene Wohnungsaufsicht der Stadt ausgerechnet auf dem Sonnenberg mehr als 2.700 Wohnungen unter ständige Beobachtung. Besonders eindrucksvoll schildert die praktische Studie des Theologen Paul Göhre extreme Wohnzustände in Chemnitz um 1889:
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„Das ärgste von Wohnungsnot aber, was ich erlebte, war bei einem Mann aus meiner Fabrik. Das war tatsächlich nicht mehr menschenwürdig. Der Mann war ein alter, langjähriger Arbeiter und hatte eine Maschine zu bedienen. Er war nicht mehr jung, knapp über die fünfzig. Er hatte eine kränkliche, halbgelähmte, blutflüssige Frau. Ihre Kinder waren bereits erwachsen und verheiratet; sie hatten nur eine von ihnen herzlich gepflegte Enkelin noch bei sich, dagegen fünf fremde Schlafleute! Dieses Mannes Wohnung nun bestand aus folgenden Gelassen: aus einer Stube, einem wirklichen Alkoven2), einer einfenstrigen Kammer und einer Dachkammer. In der einfenstrigen Kammer standen zwei Betten, in deren einem ein Pferdebahnkutscher, und in deren anderem zwei böhmische Maurer nächtigten. Im Alkoven, in einem Bette für sich, schlief die kränkliche Frau allein. Der Mann nächtigte auf dem Sofa derselben Wohnstube, die vom frühen Morgen bis nach zehn Uhr abends, das heißt für diese Leute bis tief in die Nacht und in die Schlafenszeit hinein, von sämtlichen schwatzenden, essenden, rauchenden Haushaltungsmitgliedern frequentiert wurde. Denn die beiden Maurer mußten schon früh halb 5 Uhr weg und vorher noch ihren in eben dieser Stube gekochten Kaffee getrunken haben, und der Pferdebahnkutscher kam erst abends halb 10 Uhr von seinem schweren Dienst zurück und wollte dann noch Abendbrot essen. Wo war da eine wirklich erquickende Nachtruhe für Mann und Frau möglich? Aber das Ärgste kommt noch. In der noch übrig bleibenden Bodenkammer standen ebenfalls zwei Betten: in dem einen schlief ein ganz junges Ehepaar, das hier zur Aftermiete wohnte, tagsüber auf Arbeit war und wohl nichts sein Eigen nannte, und in dem andern das zwölfjährige Mädchen, das Enkelkind. Man macht sich leicht ein Bild von dem, was dies Kind nächtlicherweile hören und erleben konnte, wie es überhaupt in diesem und ähnlichen Haushalten selbst bei dem besten Willen aller Bewohner zugehen mußte.“[2]
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Vorgenannte Beispiele stellen sicher ein Extrem des Wohnungselends dar. Die typische sächsische Arbeiterwohnung bestand in den 1880er Jahren zumeist aus Wohnküche und Schlafraum. Ein Sofa, ein häufig runder Tisch, eine Kommode, ein größerer Spiegel, mehrere Rohr- und Holzstühle sowie einige Bilder pflegten wohl fast immer vorhanden zu sein. In der Ecke wo der zum Kochen benutzte Ofen stand hing das wenige Küchengeschirr.  Ein Wandschrank mit Luftzug zur Aufbewahrung von Speisen sowie ein Ausgussbecken vervollständigten den Hauptraum der Familie. Das der Wohnküche angegliederte  Zimmer war fast vollständig mit Bettgestellen besetzt. Trotzdem war ein eigenes Bett keine Selbstverständlichkeit. Der Abort lag in den Außenwinkeln der Treppenhäuser und mußte von mehreren Wohnparteien benutzt werden. Hatte die Wohnung den Luxus eines Balkons zu verzeichnen so wurde dieser zu allerlei wirtschaftlichen Arbeiten, wie zur Kleiderreinigung oder für die Brennstofflagerung benutzt.
Es ist auch falsch, anzunehmen, die Mietskaserne in ihrer trostlosesten Ausführung sei der beherrschende Bautyp des 19. Jahrhunderts in Deutschland gewesen. Neben sozialeren Formen proletarischen Wohnens, wie zum Beispiel der Werkssiedlung und den Teilwohnungen3) wird sie ebenso ergänzt durch die bürgerlichen Mietshäuser.
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Das bürgerliche Mietswohnhaus
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Das repräsentative städtische Mietshaus unterscheidet sich optisch nur wenig von dem Vordergebäude einer Mietskaserne neuerer Bauart. Die Straßenfronten der vorwiegend in geschlossener Blockrandbebauung errichteten Gebäude bilden die oft reich dekorierte Schauseite im Architekturstil des Historismus, welcher ab 1870 Stilvorlagen aus früheren Kunstepochen nutzt. Dekorelemente werden im gründerzeitlichen Massenwohnungsbau Musterbüchern entnommen, bei wertvollen Gebäuden hingegen als Unikate neu hergestellt. Zur Belebung der Schaufassaden und zur Erhöhung der Attraktivität der Wohnungen wurden oft auskragende Balkone im 1. oder 2. Obergeschoss angeordnet.  Auch hier gibt es die Beletage. Das Motiv der turmartigen Eckbetonung wurde von spätklassizistischen Gebäuden übernommen und ist unter anderem auf dem Kaßberg in Chemnitz vorzufinden (z. B. Eckgebäude Eulitzstraße/Ulmenstraße). Die Hoffassaden weisen hingegen eine weitaus schlichtere Gliederung auf.
Das bürgerliche Mietshaus ist im Gegensatz zur Proletarierwohnung geprägt durch deutlich höheren Komfort, größere Wohnungen und zumeist auch durch Vorgärten. Der Zugang erfolgt über ein aufwendig gestaltetes Treppenhaus, was den Repräsentationsansprüchen des aufkeimenden Bürgertums entsprach. Auf jeder Etage gab es zumeist zwei Wohneinheiten. Salon, gute Stube und Esszimmer waren für Besucheraufenthalt vorgesehen und dementsprechend qualitätsvoll möbliert. Sessel, Sofa, Ausziehtisch mit Stühlen sowie das Buffet waren die notwendigsten Einrichtungsgegenstände. Aber auch der Wandschrank für Zigarren, die Wanduhr sowie der Nähtisch, der Stumme Diener4) und das Chaiselongue, bedeckt mit vielen Kissen, waren typische Ausstattungsgegenstände für das ausgehende gründerzeitliche 19. Jahrhundert.
Die Küche bildete den wichtigsten Raum einer gehobenen Mietswohnung. Zu ihrer festen Ausstattung gehörten der Kohlenherd und der gußeiserne Handstein5). Der Herd stand in einer Wandecke, ohne Rohr direkt an den Schornstein angeschlossen und war von außen, wie auch die Wände der Herdecke, mit Kacheln verblendet. Die Herdplatte war aus Eisen, an der linken Seite waren Backofen und Beikessel eingebaut. Geheizt wurde mit kleinförmigen Steinkohlen, die aus England kamen und Singles genannt wurden. Herdstange, Griffknöpfe, Kaminlochdeckel und Regulierschieber waren aus Messing und hatten blitzblank zu sein. Diese Arbeit wurde oft den Kindern aufgetragen, die auch die Messingteile an den Petroleumlampen zu putzen hatten. Die kleinen Hilfsleistungen der Kinder im Haushalt dienten nicht nur zur Entlastung der vielbeschäftigten Mutter, sondern wurden als notwendige Erziehungsmaßnahmen betrachtet.
Hinsichtlich der Beleuchtungsmöglichkeiten unterschied sich das bürgerliche Mietshaus anfangs nur unwesentlich von anderen Wohnformen. Neben dem allgegenwärtigen Kerzenlicht und dem Wachsstock6) waren die Öllampen im 18. und 19. Jahrhundert weit verbreitet. Ihren Höhepunkt erreichte ihre Entwicklung 1855 mit der Konstruktion der ersten Petroleumlampe, welche Öllampen und Kerzen rasch verdrängte. Allerdings verdüsterten diese Lampen alle Viertelstunden, sodass sie regelmäßig geputzt werden mussten. Für diesen Zweck stand eine Lichtputzschere meist in lackiertem blechernen Schiffchen neben dem Leuchter. Vielfach war auch das Hanglicht7) im Gebrauch. Die eigentliche Moderne in der Geschichte der Beleuchtung setzt allerdings erst mit der Anwendung technisch-industrieller Verfahren wie Gaslicht und Elektrizität gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein. Wie revolutionär diese technische Entwicklung für die damalige Bevölkerung gewesen sein muss, zeigt folgende Kindheitserinnerung:
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„Onkel Gustav hat eine Lampe, die kann man quer auf den Tisch legen, und es brennt nichts an.'  Mit diesen Worten kam mein Bruder eines Tages aus der Stadt zurück, und sie waren für mich die erste Verkündung des elektrischen Lichtes. Wir sind noch mit Petroleum aufgewachsen. Da war Vaters Studierlampe mit dem grünen Schirm, die er, wenn es Abend wurde, selbst anzündete, nachdem er vorher noch einmal den Docht geglättet hatte, damit sie nicht blakte. An der Wand hingen Lampen ohne Schirm, hinter denen eine runde Messingscheibe das Licht reflektierte. Sie waren für Flur, Treppenhaus und Küche bestimmt. Außerdem gab es Einsatzlampen für die Kronleuchter, die größte für das Licht über dem Esstisch, an dem wir auch noch nach dem Abendbrot saßen, wenn der Vater uns vorlas, während wir zeichneten oder schnitzten oder Briefmarken auf Falzen ins Album klebten. Das waren behagliche Stunden, und die Beleuchtung war zwar nicht stark, aber von einer wohltuenden schummerigen Wärme. Gustav Freytags »Ahnen«, Viktor von Scheffels »Ekkehart« und Fritz Reuters »Ut mine Stromtid«, die der Vater uns vorlas, kann ich mir gar nicht ohne die Petroleumlampe denken. Das Petroleum, das ja den Flur nie ohne seinen unangenehmen Geruch gelassen hatte, wurde nun verdrängt. Zunächst gab es Kronleuchter und Wandleuchter mit Gasflammen, die oft beängstigend zischten, so daß man nie wußte, ob das Haus nicht demnächst in die Luft fliegen würde. Dann aber bekamen auch wir elektrisches Licht. Es war unangenehm grell; denn da es doch so teuer war, dachte man nicht daran, die Birnen abzublenden oder hinter Schirmen zu verstecken. Ein Stück Behagen hörte auf, aber immerhin: Man hatte nun das neue Licht und ging mit der Zeit. Vater freilich behielt seine Studierlampe; denn man hatte Ofenheizung, die nachts erkaltete, so daß die ausstrahlende Wärme der Petroleumflamme im Studierzimmer wohltat.“[3]
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Der soziale Stand einer gehobenen bürgerlichen Wohnung wurde auch am Vorhandensein von Dienstboten und Hausmädchen gemessen. Die Hausmädchen waren fester Bestandteil der Familie, denn beide Seiten nahmen Anteil am anderen Geschick. Häufig waren die Schlaf- u. Privaträume der Angestellten jedoch sehr mangelhaft.
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Dienstmädchen erzählen
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„Der Hängeboden(8) ist so niedrig, dass ich mit dem Kopf an die Decke stoße. Darin befindet sich ein Bett, ein Waschtisch, ein Stuhl, mein Reisekorb, zwei alte Kisten, in denen die schmutzige Wäsche der Herrschaft liegt, so dass die Zimmerluft so verunreinigt wird, dass ich jedes mal das Fenster vor dem Schlafengehen öffnen muss. In diesem Raum kann man sich nicht bewegen. Einen Besuch darin zu empfangen, ist ganz unmöglich.“[4]
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„Von unserem Zimmer will ich erst gar nicht reden, da stößt man sich auch lauter blaue Flecken, so klein ist es. Wenn die Herrschaften solche großen Wohnungen haben, wo sie überall ihre Bequemlichkeit finden, so müsste doch auch ein anständiges Zimmer für die Mädchen sein...“[4]
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In der Regel hatten ihre Kolleginnen und Kollegen, welche in den Häusern der gehobenen Mittelschicht ihren Dienst taten bessere Wohnverhältnisse.
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Die gründerzeitliche Villa
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Die Entstehung einer breiten Mittelschicht bewirkte die Ausbildung eines neuen freistehenden Wohnungstyps. Die gründerzeitliche Villa ist dem Grunde nach als komfortables Ein- oder Zweifamilienhaus (Doppelvilla) für die großbürgerliche Gesellschaft zu verstehen. Sie war Ausdruck einer neuen Lebensweise und diente der Zurschaustellung von Wohlstand.
Umgeben von einem parkähnlichen Garten, gehörten zum Wohnhaus noch Nebengebäude wie Remise, Stallungen und Wohnräume für Bedienstete. Gewächs- und Teehäuser, Pavillons und mitunter Kegelbahnen besetzten die Gärten. Das Leben in der gründerzeitlichen Villa war bürgerlich. Die Kosten für ihre Unterhaltung konnten nur von Leuten bestritten werden, die ein überdurchschnittlich gutes und gesichertes Einkommen hatten. Fabrikanten und Bankiers gehörten ebenso dazu wie hohe Bedienstete des Staats- und Beamtenapparats. Im Wesentlichen wurde eine Villa von dem Hausherren und der Hausdame, ihren Kindern und den Bediensteten bewohnt. Die Wirtschaft bedurfte mehrerer Dienstboten, mindestens eines Gärtners oder Hausmannes, einer Köchin, der Hausmädchen und eines Kinderfräuleins. Die Anzahl der im Haus wohnenden Dienstboten entsprach nicht selten der Anzahl der Familienmitglieder. Darüber hinaus gingen weitere Hilfen wie Flickschneider, Teppichklopfer, Waschfrau, Plätterin und Reinemachfrau im Haushalt ein und aus.
Neben den zweckdienlichen Zimmern wie Küche, Schlaf-, Wohn- und Speisezimmer gab es eine Vielzahl von Repräsentationsräumen. Hierzu zählen Salon, Halle, Saal, Bibliothek, Musik-, Billard-, Rauch- und Empfangszimmer. Oft waren diese Räume um ein Vestibül mit Lichtkuppel angeordnet. Beispiel dafür ist die 1870 im Stil des Neoklassizismus von Eduard Keller, einem Schwiegersohn von Richard Hartmann, erbaute Villa auf der Kaßbergstraße in Chemnitz. Diese Villa verfügt darüber hinaus über eine Pferdekutschenumfahrt mit angegliederter Remise. 
Zwischen Salon und Wohnzimmer vollzog sich die Grenze von Privatheit und Öffentlichkeit. Das Wohnzimmer war mehr auf die Bedürfnisse des Familienlebens ausgerichtet, der Salon für gesellschaftliche Verpflichtungen und Festlichkeiten vorgesehen. Die Lage des Arbeits- oder Herrenzimmers im Empfangsbereich gab an, wer der Herr im Hause war. Der Salon war der rangmäßig eindeutig über das Wohnzimmer gestellte Raum. Er erfuhr durch eine exponierte Lage oder bauliche Hervorhebung mit Erkern oder Balkonen eine besondere Auszeichnung.
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Musikzimmer, Durchblick zum Arbeitszimmer
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Empfangszimmer (Dame)
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Dennoch gibt es auch Villen, bei denen trotz umfangreichen Raumprogramms auf einen Salon verzichtet wurde. Dies lässt sich durch eine gezielte Betonung der familiären, privaten Funktion der Villa und die Einstellung des Bauherrn hierzu erklären. Ebenso war der umgekehrte Fall möglich. In den repräsentativsten Villen waren oft keine Wohnzimmer geplant, dafür aber großzügige Säle und Salons. Die Möblierung der Räume diente in herausragendem Maße der Befriedigung der Geltungssucht ihrer Besitzer. Man überbot sich in der Nachahmung historischer Stilformen in den verschiedensten Mischungen (Eklektizismus). Dabei wurden historische Formen auch auf Möbel und Gegenstände übertragen, welche es in Ihrer Art und Funktion in der nachgeahmten Stilepoche noch gar nicht gab. Das großbürgerliche Repräsentationsstreben schlug sich nicht nur im luxuriösen Raumprogramm und der ebenso aufwendigen Raumausstattung nieder, sondern machte auch vor profanen Dingen, wie zum Beispiel der Beleuchtung und den Beleuchtungsgeräten nicht halt. Da deren Technik ihrer Gestalt relativ enge Grenzen setzte, gewannen ihre Verzierungen mehr und mehr an Bedeutung. Das Ergebnis waren zum Beispiel oft überladene und historisierende Leuchten.
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Die Lebensadern der gründerzeitlichen Stadt
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Allen drei der beispielhaft vorbeschriebenen Wohnformen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts war die Problematik der Medienver- und Entsorgung immanent. 
In den mittelalterlichen Dörfern und Städten hielt sich die Anzahl und Dichte der Bevölkerung in Grenzen. Die Entsorgung der Fäkalien auf die Dungstätten im Dorfe bzw. in die Rinnsteine und Jauchegruben der Städte war nicht unbedingt die appetitlichste aber dennoch eine praktizierbare Methode. In großem Umfang wurden auch die menschlichen Ausscheidungen einer Wiederverwendung als Dünger zugeführt. Die Trinkwasserversorgung erfolgte über private oder öffentliche Brunnen. Überhaupt war die Problematik der Abwasserentsorgung und Trinkwasserversorgung meist eine Privatangelegenheit der Bürger.
Noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein gab es in den Städten nur einfache Einrichtungen zur Ver- und Entsorgung. Ein großes Problem der Wasserversorgung stellte der strapaziöse Transport  des Wassers von den Brunnen in die Wohnung dar. Dies war Aufgabe der Frauen und Kinder, oder in vermögenden Familien, von Dienstboten. Das anfallende Abwasser wurde wiederum in Eimern aus dem Haus getragen und in die Sickergruben, Tonnengruben oder in den Rinnstein geschüttet. Die Gruben wurden in bestimmten Zeitabständen geleert. Die anfallenden Fäkalien gelangten als Dünger auf die Felder bzw. wurden einfach in die Flüsse geleitet. In diese Zeit fällt auch die Weiterentwicklung des sogenannten „Plumsklos“. Diese Einrichtung, welche als  Nachfolger der Erdgrube in freier Natur, des Eimers oder Donnerbalkens verstanden werden kann, existierte und existiert noch heute in den verschiedensten Ausführungen. Als einfaches sogenanntes „Herzhäuschen“ auf bäuerlichen Anwesen, als Etagenplumpsklos in städtischen Wohnhäusern, welche oftmals von bis zu 20 Personen benutzt werden mussten, oder als Stehabtritt, wie noch heute in vielen südlichen und östlichen Ländern Europas gebräuchlich. In jedem Fall plumpst es, ohne von einem Wasserschwall in eine Kanalisation geschwemmt zu werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Problem der Intimreinigung.  Lange wurden für die Reinigung natürliche Materialien wie Stroh, Moos und Gras verwendet. In gehobenen Kreisen war es allerdings schon damals üblich, für die Reinigung Stoffteile oder Stoffplätzchen zu verwenden. Toilettenpapier kam erst im 17. Jahrhundert auf. Um 1880 wurde in Deutschland das erste Toilettenpapier industriell als Einzelblattpapier hergestellt, das komfortablere Rollentoilettenpapier folgte 1896. Für das einfache Plumsklo begnügte man sich noch lange mit geschnittenem Zeitungspapier, welches man in handlichen Abmessungen auf einen Haken in der Wand spießte. Das Dumme dabei war nur, dass man die Fortsetzung eines Artikels oft nicht mehr finden konnte, da der Vorgänger diese schon „verbraucht“ hatte.
Mit Beginn der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein großer Teil der Abwasserproduktion und des Trinkwasserbedarfs vom Lande in die Stadt verlagert. Durch die hohe Konzentration von Menschen auf engstem Raum funktionierten die bisherigen Ver- und Entsorgungssysteme nicht mehr. Haushaltsabwässer und nun zunehmend auch Industrieabwässer wurden ungereinigt in die Flüsse abgeleitet, aus denen man aber auch einen großen Teil des Trinkwassers schöpfen musste, da die Brunnen in den Städten für die anwachsende Bevölkerung nicht ausreichend Trinkwasser lieferten. Brunnenwasser wurde zunehmend durch die in den Sickergruben versickerten Fäkalien verunreinigt. Dies alles führte zu unglaublich schlechten hygienischen Verhältnissen und einer zunehmenden Verschmutzung der Flüsse. Zugleich wurde klar, dass eine zufriedenstellende Lösung der Problematik  für die neu entstehenden Wohnformen nicht mehr auf Privatbasis zu regeln war. Die Städte waren gefordert, kommunale Dienstleistungen zur Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung zu entwickeln und anzubieten. Gleiches galt auch für Medien, welche aufgrund der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung nunmehr für eine breite Anwendung geeignet waren.
Hinsichtlich der Abwasserentsorgung, die ca. 1860 in deutschen Städten in den Mittelpunkt des Interesses rückte, konnte auf gute Beispiele aus dem Ausland zurückgegriffen werden. London hatte bereits in den 1840er Jahren den Anfang gemacht. In Deutschland spielte Hamburg die Vorreiterrolle und ließ bereits 1842 die Stadt durch unterirdische Kanäle entwässern. Diesem Beispiel folgten in den 1860er Jahren unter anderem die Städte Leipzig (1860) und Chemnitz (1864). In den 1880er Jahren ging das erste Wasserwerk in Chemnitz in Betrieb. Mit der Talsperre Einsiedel nahm 1894 das erste Talsperrenwasserwerk im Königreich Sachsen den Betrieb auf. Bereits früher, im Jahr 1854, wurde das Stadtgas in Chemnitz eingeführt. Zuerst für die Straßenbeleuchtung genutzt, hielt es wenig später auch Einzug in die Wohnungen. Ab 1893 begann die Versorgung der Chemnitzer Bürger mit Strom.
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Epilog
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Entscheidende Grundlagen für das moderne städtische Dasein mit seinen Vorzügen aber auch Mängeln sind in diesen Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gelegt worden. In Stein und Stuck stehen die Zeugen einer der wichtigsten Entwicklungsetappen der modernen Zivilisation in unseren Städten.  Ihre Erhaltung ist auf Dauer nur möglich, wenn diese Gebäude und städtebaulichen Ensembles als lebendige Denkmale, nicht als Museumsstücke betrachtet werden, wenn sie erneut und mit zeitgerechten Funktionen genutzt werden. Mit jedem abgerissenen Bauwerk geht nicht nur ein architektonisches Unikat sondern auch ein Stück Kulturgeschichte unwiederbringlich verloren. Eine Aufgabe für Bauherren und Investoren, für Architekten und Städteplaner, für kommunale Behörden und Gesetzgeber, für Historiker und Denkmalschützer.
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Erläuterungen:
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1) 1. Obergeschoss und/oder 2. Obergeschoss
2) Bettnische / Schlafgelegenheit
3) Zerlegung planmäßiger Wohnungen zu Teilwohnungen, der ehemalige Wohnungsflur wurde öffentlich und jedes Zimmer beherbergte nun eine Familie.
4) Anzugständer aus Holz oder Metall, auch „Herrendiener“ genannt
5) Ausgussbecken
6) Dünne Sonderform der Kerze, welche auf speziellen Wachsstockhaltern benutzt wurde. Da er aufgrund des recht unausgewogenen Docht-Wachs-Verhältnisses leicht rußte, war es sinnvoll, immer eine Dochtschere zur Hand zu haben.
7) Lampe ohne Fuß, an einer aufwärtsgehenden Kette mit Haken   
8) Die Hängeböden waren kleine Gelasse die in den hohen Wohnungen durch eingezogene Decken über der Speisekammer, dem WC oder über dem Flur entstanden und über eine angestellte Leiter zu erreichen waren.
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Zitate:
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[1] Untersuchung über die Wohnverhältnisse der ärmeren Bevölkerungsklassen in Berlin
[2] Paul Göhre, Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche
[3] Kindheitserinnerungen des Kulturhistorikers und Autors Edwin Redslob (1884-1973)
[4] Oscar Stillich: Die Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin
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Literatur:
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Hermann Funke, Zur Geschichte des Mietshauses in Hamburg
Paul Göhre, Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche
Deutsche Bauzeitung 18. Oktober 1890
H.J. Teuteberg und C. Wischermann, Wohnalltag in Deutschland 1850-1914
Shahrooz Mohajeri, 100 Jahre Berliner Wasserversorgung und Abwasserentsorgung 1840–1940
Hartmut Häußermann/Walter Siebel, 1996
Werner Hegemann, Das steinerne Berlin
Otto Bähr, Eine deutsche Stadt vor hundert Jahren
Mila Schrader, Plumpsklo, Abort, Stilles Örtchen
Ernst Rebske, Eine Historie der Beleuchtung
Rainer Geißler, Soziologe mit Lehrauftrag Universität Siegen
Mitteilungen des Chemnitzer Geschichtsvereins, Sonderheft 2008, Die Sonne gab den Namen
Nikolaus Pevsner, Hugh Honour, John Fleming - Lexikon der Weltarchitektur
Hanno-Walter Kruft – Geschichte der Architekturtheorie
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Fotonachweis:
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Bild 1 - Ausgewiesen: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin
Bild 2 - 5 - Mietskaserne: Werner Hegemann, Das steinerne Berlin
Bild 6 - 7 - Kellerwohnung: Unsere Wohnungs-Enquete im Jahre 1903. Im Auftrag des Vorstandes der Ortskrankenkasse Berlin
Bild 8 - Dachwohnung: E. Reche: Die modernen Wohngelegenheiten für alleinstehende Personen der Arbeiterbevölkerung    Bild 9 - 10 - Innenräume Villa: Quelle unbekannt, Fotos wahrscheinlich über 100 Jahre alt
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Hinweis:
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Hauptanliegen dieser Abhandlung ist es, einen allgemeinen Überblick zum Wohnalltag im Gründerzeitalter Deutschlands und den baulichen, wirtschaftlichen und sozialpolitischen Hindergründen zu vermitteln. Dabei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.
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