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CHEMNITZ ZUR GRÜNDERZEIT
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Als “Gründerzeit” werden ganz unterschiedliche Zeiträume im 19. Jahrhundert bezeichnet. Man muss den Begriff “Gründerzeit” in Bezug auf Firmenneugründungen und Architekturstil/städtebauliche Entwicklung getrennt betrachten. Chemnitz’ Zeit der Firmenneugründungen im 19. Jahrhundert beginnt mit den ersten großen Spinnmühlen um 1800 sehr früh und hält dann das ganze Jahrhundert über an.  Oft ist es eine einzelne Person die unter einfachsten Bedingungen, z.B. eingemietet in einer alten Mühle, ein Unternehmen der Maschinenbau- oder Textilbranche gründet und dieses dann innerhalb einer Generation, dank innovativer und qualitativ hochwertiger Produkte, die Entwicklung hin zum großindustriellen Unternehmen schafft. Solche Unternehmensgeschichten gibt es in Chemnitz viele. Unternehmen wie die von Haubold, Hartmann, Zimmermann und später Pfauther gehören dazu. Diese Unternehmen zogen Arbeitskräfte an, die Stadt wuchs und ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden städtebauliche Erweiterungen im größeren Stil notwendig. Es entstanden gründerzeitliche Neubaugebiete. Zuerst die Erweiterung der Angervorstadt und der Chemnitzer Vorstadt, kurz darauf das Sonnenbergviertel, das Brühlviertel und das Kassbergviertel. Auch im alten Stadtkern gab es große Veränderungen. Ganze Straßenzüge der alten zweigeschossigen Bebauung fielen und wurden durch höhere Gründerzeitwohnhäuser ersetzt. Die gestiegene Einwohnerzahl stellte die Stadt vor umfangreichere Verwaltungsaufgaben als bisher. Diese waren in den Räumlichkeiten des alten Rathauses nicht mehr zu bewältigen. So entstanden seit den 1850er Jahren eine Reihe neuer Verwaltungsbauten im Stadtkern, so das neue Rathaus am Beckerplatz oder der Postkomplex auf dem ehemaligem Chemnitzer Graben. Weiter fällt in diese Zeit der Bau des neuen Bahnhofsgebäudes, der Chemnitzer Börse, der Markthalle sowie einer Reihe von Hotels und Kaufhäusern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich Chemnitz’ Einwohnerzahl, seit Beginn des Jahrhunderts, nahezu verzwanzigfacht und das Bild der Stadt total verändert.

Chemnitz war bis zur Zerstörung 1945, von der Bausubstanz her, eine Stadt der Gründerzeit. Es gab wenig erhaltene Bauten der vorindustriellen Zeit. Der heutige Bestand von ca. 5000 Baudenkmälern in Chemnitz besteht denn auch zum allergrößten Teil aus Gebäuden die zwischen 1860 und 1925 entstanden.
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Beitrag: Deutscher Wohnalltag im Gründerzeitalter
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Blick über die Dächer von Chemnitz um 1865 zum noch unbebauten Sonnenberg. Links oben, am Beginn der “Äußeren Dresdner Straße”, die drei nachfolgend vorgestellten Villen und das Industriedenkmal Wex & Söhne.
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Wohnhaus Äußere Dresdner Straße 40
Chemnitz 1863

Es gibt wohl keinen Chemnitzer, der sich nicht wünscht, dass das stadtbekannte Haus mit dem markantem Eckturm an der Dresdner Straße endlich saniert wird. Noch als Ruine ein schöner Anblick würde es im alten Glanz zum Besten für Chemnitz wirken. Wenig ist mir über dieses Haus bekannt. Aus dem Vergleich von Bebauungsplänen der 1860er Jahre, habe ich ein Baujahr um 1863/64 als wahrscheinlichstes ermitteln können. Zeitgleich mit diesem Haus entstanden in direkter Nachbarschaft an der Dresdner Straße eine ganze Reihe früher Gründerzeitvillen. Es war Chemnitz’ erste Villenkolonie.

Fotodokumentation
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Mit Eröffnung der Chemnitz-Riesaer Eisenbahnstrecke 1852 und der Fertigstellung von Chemnitz’ erstem Hauptbahnhof zwei Jahre später, siedelten sich in dessen Nachbarschaft, an der damals “Äußeren Dresdner Straße”, mehrere Unternehmen der Textil- und Maschinenbauindustrie an. Für ein Chemnitzer Unternehmen war die Nähe zum Bahnhof damals der kürzeste Weg zum Riesaer Elbhafen und damit zu einem überregionalen Vertrieb. Der neue Chemnitzer Eisenbahnanschluss war nach langem Kampf darum der Stolz der Stadt, das Bahnhofsgebäude erster Imageträger. So verwundert es nicht, dass der Chemnitzer Geldadel jener Zeit dessen Nähe suchte und Anfang der 1860er Jahre ein knappes dutzend Villen in der Nachbarschaft zum Bahnhof entstand. Alle in maßvoller Größe und von bester früher Gründerzeitarchitektur. Der Bauplatz an der Dresdner Straße war ein bevorzugter; Südhanglage mit Blick auf die Stadt. Glaubt man einer Lithografie aus jenen Jahren, war die Dresdner Straße damals als Pappelallee angelegt. Unter den ehemaligen Eigentümern dieser Villen finden sich so klangvolle Namen der Chemnitzer Vergangenheit wie Zimmermann, Götze, Duderstaedt.
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Lange währte das Villenglück an der Dresdner Straße nicht. Wie das Chemnitzer Arbeiterviertel Sonnenberg im Hintergrund, in wenigen Jahren immer größer wurde, waren die Villen als Wohnsitz nicht mehr “en vogue”. Viele wurden um 1900 zum Bürohaus umfunktioniert, manch eine erhielt auch einen Erweiterungsanbau.

Die Bombenangriffe auf Chemnitz im 2. Weltkrieg überlebten die Villen ohne größere Schäden. Nicht aber die DDR. Warum auch immer, wahrscheinlich unter dem Einfluss einer verqueren Ideologie, beraubte man all diese Villen, bei deren Sanierungen in den 1960er/70er Jahren, ihrer schön stuckierten Fassaden. Nach einer neuerlichen Abfärbung solcher Häuser stand dieser Zeit auch nicht der Sinn. So kamen die Villen an der Dresdner Straße als graue Kästen aus den DDR Jahren. Manch eine hatte Glück, wurde nach der Wende saniert. So unter anderem die beiden Villen der heutigen Sonnenbergterassen oder die ehemalige Villa Brauer, in der heute eine Wohnungsgenossenschaft ihren Sitz hat. Andere Villen, wie die Villa Merkel und die Villa Dutherstaedt verfielen zu Ruinen. 
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Auch das Haus an der Dresdner Straße, Ecke Lessingstraße findet seit Jahren keinen Käufer. Es wird mit der lauten Lage an der verkehrsreichen Dresdner Straße zusammenhängen. Das Gebäude ist leider nicht vor fremdem Zutritt gesichert. So ist es denn auch stark frequentiert und bei Chemnitzer Obdachlosen ein bekannter Anlaufpunkt, wenn es gilt einen Schlafplatz zu finden.
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Die Innenarchitektur des Gebäudes ist keine berauschende. An einem engen Treppenhaus liegen recht einfach geschnittene Wohnungen. In ihnen haben sich allerdings im Geschmack des 2. Rokoko stuckierte Decken erhalten. Auf dem Foto sieht man einen wahrscheinlich nachträglich um 1890 eingebauten Raum mit Flügeltür.
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Wer im späten 19. Jh. in so einem Haus gelebt hat, wird auch Personal gehabt haben. In diesem kleinen Gebäude auf der Rückseite des Grundstücks wird es untergebracht gewesen sein.
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Momentaufnahme. Das Gebäude im Sommer 2008.
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Das Gebäude auf einem Gemälde von Cornelia Zabinski.
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Villa Duderstaedt
Chemnitz 1862/63

Lange war auch die Villa Duderstaedt dem Verfall preisgegeben. Eine zerstrittene Erbengemeinschaft soll der Grund dafür gewesen sein. 2006 wurde das Haus endlich entmüllt und gesichert. Seit dem bietet es ein Dresdner Maklerbüro für 99.000 Euro zum Kauf an.
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Die Villa Duderstaedt war Wohnsitz der erfolgreichen Chemnitzer Kaufmannsfamilie Duderstaedt. Aus ihr ging der Architekt Hugo Duderstaedt (1848-1909) hervor. Aus seiner Hand stammen die Entwürfe für so bekannte Chemnitzer Bauten der Gründerzeit, wie dem der Öffentlichen Handelslehranstalt an der Markthalle oder dem Hotel Stadt Gotha und dem Modehaus Schellenberger. Beide einst prächtiger Eingang zum Chemnitzer Johannisplatz. Duderstaedt war auch am Bau der Markuskirche (Sonnenbergviertel) beteiligt. Ich vermute, dass der Entwurf für die Villa selbst auch aus seiner Hand stammt. Aus dem Adressbuch der Stadt Chemnitz von 1870 geht hervor, dass die Duderstaedts das 1. Obergeschoss der Villa bewohnten. Nach 1874 richtet Hugo Duderstaedt sein Atelier in der Villa ein.
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Die Villa im Originalzustand am Ende des 19. Jahrhunderts ...
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... und 110 Jahre später.
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Die Gartenseite der Villa um 1900. Vorn ist Hugo Duderstaedt zu erkennen.
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Das Foyer der Villa Duderstaedt 2007. Im Erdgeschoss findet man noch die ursprüngliche Raumstruktur. Früher sicher einmal vorhandene Wandvertäfelungen und Parkettfußböden fehlen heute. Zwei Räume weisen noch stuckierte Decken auf. In das erste Obergeschoss wurden später Wohnungen eingebaut. Eine Ahnung von der historischen Ausstattung der Villa vermitteln allenfalls noch das Treppenhaus und das, wie Mitte des 19. Jahrhunderts modern, im römischen Stil ausgemalte Foyer. Das Gebäude war jahrelang sich selbst überlassen. Vandalen gingen ein und aus, traten historische Flügeltüren ein und beschädigten den erhalten Stuck. Auch war und ist das Haus bei Obdachlosen als Unterschlupf sehr beliebt.
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Privater Blick in einen der Wohnräume der Villa. Man ahnt was bei den Bombenangriffen auf Chemnitz an wertvollen Inneneinrichtungen verloren ging.
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Zur Villa gehört ein ca. 3000 m² großer Park. Trotz seines schlechten Zustandes, ein Kleinod in der Chemnitzer Innenstadt. Im Park findet man, eingerahmt von altem Baumbestand, zwei historische Gartenhäuser um 1900 und das Becken eines Springbrunnens.
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Das Gartenhaus im bayerischen Stil 2007.
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Villa Merkel
Chemnitz 1865

Fotodokumentation

Die Villa Merkel ist eines der am schlechtesten erhaltenen Baudenkmäler in Chemnitz. Im Inneren ist sie schon teilweiße eingefallen. Wegen der im Vergleich zu anderen Villen geringen Größe, der fehlenden Gründerzeitfassade und nicht zuletzt wegen des schlechten Zustandes, sticht sie einem heute nicht sofort als besonders wertvoll ins Auge. Ich selbst wurde erst durch die auf dem Titel einer Denkmalschutzpublikation veröffentlichte Bauzeichnung von 1864 auf die Villa aufmerksam. Darauf kann man eine selten qualitätvoll stuckierte und gegliederte Gründerzeitfassade sehen. Im Inneren fällt besonders das schöne Treppenhaus auf. Auch wenn es heute verbaut, vermüllt und durch verbretterte Fenster dunkel ist, hat es immer noch seine anheimelnde Wirkung. Auch die Größe und Anordnung der Räume ist dem Architekten damals sehr gut gelungen.  Man muss sich vorstellen wie dieses Haus vor 140 Jahren, in gebrochenem weiß abgefärbt, mit schönen Vorhängen hinter den Fenstern, an der sich als Pappelallee darbietenden und unbefestigten Dresdner Landstraße lag und die Eleganz der damaligen Zeit vorbeiziehen sah.
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Die Villa war Kind einer der weiter oben beschriebenen Firmenneugründungen in der Nähe des neuen Bahnhofes. 1857/58 gründete Carl Christian Merkel auf dem Gelände eine Maschinenfabrik für Dampfmaschinen und verschiedene andere Maschinenerzeugnisse. Nur wenige Jahre später ließ er, wie damals noch üblich, sein neues Wohnhaus direkt neben der Fabrik bauen. Im Erdgeschoss war das Kontor untergebracht. Das Unternehmen bestand unter dem Namen “Maschinenfabrik und Eisengießerei C. C. Merkel” bis in das Jahr 1890. Dann wurde es von dem sich auf dem Nachbargrundstück befindlichen Unternehmen, der Maschinenfabrik Theodor & Ernst Wiede, übernommen.
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Die Maschinenfabrik Wiede um 1865. Links ist vielleicht der Bau der Villa zu sehen.
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... 30 Jahre später war das Unternehmen beträchtlich gewachsen und wird sogar in Reiseführern als besonders interessant beschrieben.
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Man sieht der Villa ihre einstige architektonische Qualität trotz des starken Verfalls immer noch an. Der Bereich zwischen den Fenstern und das Giebeldreieck waren früher sehr schön stuckiert. Im Original haben sich die Fenster und Innentüren erhalten.
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Blick in einen der Räume der Villa Merkel. Man sieht, dass das Gebäude, welches sich heute im Eigentum einer Chemnitzer Bauträgergesellschaft befindet, wohl nicht mehr zu retten ist. Wer Fantasie hat kann sich hier die ehemalige Inneneinrichtung mit den hochwertigen Möbeln der Zeit um 1860 vorstellen.

Nachtrag 23. Juli 2009

Das Gebäude wird mit Mitteln aus dem Stadtumbauprogramm Ost umfangreich gesichert und kann so erhalten bleiben.
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Wex & Söhne
Chemnitz 1861

Städtebaulich und industriegeschichtlich ist es für Chemnitz ein großes Glück, dass sich die Eigentümer des historischen Kontorgebäudes von Wex & Söhne am Dresdner Platz entschieden haben das Gebäude zu sichern und nicht abzureisen wie es 2006, nach dem der ruinöse hintere Gebäudeteil einzufallen drohte und ein benachbartes Lokal deswegen schließen musste, von allen Seiten gefordert wurde, ja regelrecht eine Medienkampagne in Chemnitz gegen dieses historische Bauensemble losbrach.
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Die Geschichte des im späten 19. Jahrhundert zu großer Bekanntheit gelangten Unternehmens Wex & Söhne beginnt schon 1828, mit der Gründung einer kleinen Strumpffabrik in der Chemnitzer Klostergasse durch Adolph Wex und Theodor Lindner. Durch den Einstieg der Schwiegersöhne von Wex in das Unternehmen 1858, kam es zum Firmennamen “Wex & Söhne”. 1860 erwirbt das Unternehmen für einen neuen Firmenstandort das Grundstück an der Äußeren Dresdner Straße 1. Ein Jahr später entsteht das heute noch heute erhaltene Gebäude. Da das kleine Grundstück an der Dresdner Straße dem expantierenden Unternehmen nur begrenzte Erweiterungsmöglichkeiten bot, wurden in Einsiedel bei Chemnitz zwei Depandencen des Unternehmens begründet.
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Ab 1943 nutzten Fremdfirmen (Buchdruckerei, Möbelhandel) die Gebäude am Dresdner Platz. Später wurde das Kontorgebäude zu Wohnzwecken umgebaut. 2007 mussten die ruinösen Fabrikgebäude hinter dem Kontorgebäude wegen des drohenten Einsturzes abgerissen werden. Das Kontorgebäude wurde mit Blick auf eine spätere Sanierung gegen den weiteren Verfall gesichert. Damit bleibt die historische Front aus Villen und Fabrikgebäuden der 1860er Jahre am Eingang des Sonnenbergs vorerst geschlossen erhalten.
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Villa Schwalbe
Chemnitzerste Villa

Chemnitz um 1853

In Chemnitz wurde seit jeher “understatement” gepflegt. Hatte man Geld zeigte man das nicht unbedingt. Die großen Renaissance- und Barockbürgerhäuser sucht man bis auf wenige Ausnahmen im alten Chemnitz vergebens. Es gab Chemnitzer Bürger die es sich hätten leisten können. Besonders im frühen 19. Jahrhundert waren nicht wenige Unternehmer aus der ersten und zweiten Fabrikantengeneration zu Geld gekommen. Wenige von Ihnen bauten sich neue große Häuser wie die Bernhards ihr Herrenhaus in Harthau oder der Unternehmer Christian Gottfried Becker, der sich gegenüber seiner Spinnerei ein neues Haus errichten lies. Man wohnte eher bescheiden, in einem der alten einfachen Bürgerhäuser am Markt oder in den neuen modernen Reihenhäusern der Angervorstadt. Ein Neubau von Villen in Chemnitz in größerem Umfang setzte erst Anfang der 1860er Jahre, mit Beginn der Gründerzeit ein. Die erste für Chemnitz so typisch werdende Gründerzeitvilla war das Wohnhaus der Familie Schwalbe an der Fabrikstraße.
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Heute steht das Gebäude allein, ehemals war es aber Teil einer geschlossenen Fabrikanlage. Der Name “Germania” wird vielen Chemnitzern noch ein Begriff sein. An der Fabrikstraße war der Stammsitz des Unternehmens. Schon 1811 gründet der aus Brand bei Freiberg stammende Johann Samuel Schwalbe eine Maschinenbauwerkstatt für Baumwollspinnmaschinen in Chemnitz. 1820 erweitert er das Unternehmen um eine Baumwollspinnerei an der heutigen Fabrikstraße. Weitere Spinnereineugründungen in Burkhardtsdorf, Eibenberg, Rochsburg und in der Steiermark folgen.
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Ab 1853 entsteht der neue Fabrikkomplex an der Fabrikstraße. Zu diesem werden später neben dem Wohnhaus unter anderem noch die Fabrikhalle, ein Kesselhaus und ein Magazingebäude gehören. Das Unternehmen J. S. Schwalbe & Sohn lieferte Maschinen, welche für die Einrichtung von Baumwollspinnereien und Brauereien erforderlich waren. 1873 erfolgt die Umwandlung des Familienunternehmens in die Aktiengesellschaft “Maschinenfabrik Germania vormals J. S. & Sohn” 1885 gründet das Unternehmen das Einsiedler Brauhaus. Da die Kapazität des Standortes an der Fabrikstraße für das expandierende Unternehmen nicht mehr ausreicht, wird die Fabrikation 1896 nach Altchemnitz verlagert.
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Das Unternehmen J. S. Schwalbe & Sohn um 1860. Vorn das Wohnhaus. Gegenüber befindet sich heute die Chemnitzer Markthalle.
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Lange wurde die Villa erfolglos von der Stadt Chemnitz zum Kauf angeboten. Ende 2007 ist sie für 30.000 Euro versteigert wurden. Danach waren Beräumungs- und Sicherungsarbeiten am Haus zu beobachten.
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 Wohnhaus an der Chaussee von Annaberg,
ab 1875 Eisengießerei Steiner

Harthau 1861?

Über Jahrhunderte hat sich ein Typ Wohnhaus in Chemnitz für unsere Vorfahren als optimal erwiesen. Im Grundtyp immer gleich. Zwei Geschosse, Sattel- oder Mansardendach, ebenerdig zur Straße liegender Eingangsbereich. Mit den Materialen der Region Holz, Lehm, Porphyr als Fachwerkhaus oder verputzter Massivbau aufgeführt. Details nach dem Geschmack der Zeit. Freistehend oder in der Stadt als Reihenhaus gebaut, waren diese Häuser perfekt an die Landschaft, dem Stadt-/Dorfbild angepasst.
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Mit dem Haus an der Annaberger Straße in Chemnitz-Harthau, hat sich der letzte “Akt” dieser langen Tradition erhalten. Danach wurde im Hausbau vieles anders. Durch die im Zuge der Industrialisierung schnell gestiegene Einwohnerzahl Chemnitz’, wurden Häuser ab den 1860er Jahren größer, über drei, vier oder in den neuen Vierteln der Stadt sogar über fünf Geschoss gebaut und im inneren mit separaten Wohnungen ausgestattet. Auch die Gestaltung der Fassaden hatte sich verändert. Waren Häuser in Chemnitz über Jahrhunderte eher schlicht gehalten, mit einer schmückenden Gestaltung des äußeren, welche oft nur auf den Eingangsbereich beschränkt war, hat man seit der Gründerzeit die ganze Fassade aufwendig mit Stuckelementen verziert. Auch das Haus an der Annaberger Straße zeigt schon deutliche Einflüsse der Gründerzeitarchitektur. Die Fenstergewände sind aufwendig profiliert und es fehlen die bis dahin obligatorischen Fensterläden im Erdgeschoss. Das Gebäude war im Original mit Schiefer eingedeckt. Dieser kam erst mit der Eisenbahn in unsere Stadt. Vorher waren so gut wie alle Häuser in Chemnitz mit aus einheimischem Lehm gemachten, roten Dachziegeln eingedeckt. Ein Transport von Schiefer, z.B. aus Thüringen hier her, wäre viel zu teuer gewesen.
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Das sehr schöne Eingangsportal des Gebäudes mit gerader Verdachung und zweiflügliger Kassettentür. Es sagt viel über unsere Vorfahren aus, dass sie solch schöne Eingangsbereiche für ihre Häuser gestaltet haben. In unserer Zeit wurden diese Hauseingänge fast immer zugemauert, die Portale abgespitzt oder die schönen Türen durch Plasteeingangstüren ersetzt. In jedem Fall entstellend für das Haus. Aus Gründen der Sicherheit hat man vor einigen Jahren, hier und zeitgleich an anderen, leerstehenden historischen Gebäuden in Harthau Sicherheitsschlösser eingebaut. Ich erinnere mich noch an die historische Klinke an dieser Tür. Es ist ein Phänomen das nach der Sanierung solcher Häuser plötzlich neue, weitaus weniger geschmackvolle Armaturen an jenen Haustüren zu finden sind.
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Auch dieses Haus war im Original wahrscheinlich in einem gebrochenem Weißton abgefärbt. Zusammen mit der schwarzen Schiefereindeckung eine perfekte und geschmackvolle Kombination und ab Mitte des 19. Jahrhunderts typisch für unsere Region. Ich glaube mich zu erinnern in den Bauakten das Baujahr 1861 gelesen zu haben. Das Haus sieht auch sehr nach den 1860er Jahren aus. Jedenfalls stand es schon 1875, wie die Brüder Steiner eine Eisengießerei auf dem Grundstück gründeten. In der Folge entstanden hinter dem Gebäude mehrere Fabrikbauten. Diese werden zurzeit vom Theater Chemnitz als Bühnenbildwerkstatt genutzt. Das Haus selbst wurde vor einigen Jahren von der Stadt Chemnitz zum Kauf angeboten. Ob es einen neuen Eigentümer gefunden hat, ist mir nicht bekannt. Ich hoffe sehr, es wird nicht auch Opfer von Chemnitz Stadtumbaupolitik, denn wenn man es sich so anschaut ... kann unsere Stadt auf so ein Haus eigentlich nicht verzichten.
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Villa und Wohnhaus
an der Annaberger Straße

Altchemnitz um 1870

 Anders wie heute war die Annaberger Straße in Chemnitz früher viel dichter bebaut. Fand man zur Biedermeierzeit an der von Annaberg durch Altchemnitz nach Chemnitz führenden Landstraße ein mit Bauernöfen und Fachwerkhäusern noch eher dörflich anmutendes Bild, setzte auch hier mit der Gründerzeit ein größeres und aufwendigeres Baugeschehen ein. Es entstanden Miethäuser, Schulgebäude, Fabriken und nicht zuletzt Villen. Durch den 2. Weltkrieg und den Stadtumbau der letzten Jahre, ging davon viel verloren. Die letzte erhaltene Villa an der Annaberger Straße ist die an der Ecke Annaberger-/Rößlerstraße.
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Über die Historie der Villa war fast nichts in Erfahrung zu bringen. Die Originale, stuckierte Fassade fehlt dem Haus heute. Ebenso die historischen Fenster und die originale Dacheindeckung mit Naturschiefer. Aus der Architektur des Baukörpers kann ich auf ein Baujahr um 1870 schließen. Auf einem Bebauungsplan von 1898 ist zu sehen, dass die Villa und das Nachbargebäude an dieser Stelle fast alleine standen. Da die Villa damals noch weit entfernt von der Stadt lag, kann man davon ausgehen, dass deren Bewohner durch Personal versorgt wurden. Zum Haus gehörte auch ein Gartengrundstück. Auf einer historischen Luftaufnahme ist an der Rückseite der Villa ein massiv aufgeführter Balkonanbau zu erkennen. Dieser ist heute nicht mehr vorhanden. Auf dem Gartengrundstück wurde schon nach 1900 ein Gebäudekomplex errichtet. Erstaunlich ist, dass die Villa mit einem Oberlicht zur Beleuchtung des Treppenhauses ausgestattet wurde. Nicht alle Chemnitzer Villen dieser Zeit konnten so etwas vorweisen. Vieles deutet darauf hin, dass die Eigentümer der Villa finanziell sehr potent waren.
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Zu DDR Zeiten diente die Villa als Ärztehaus. Seit der Wende steht sie leer. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, habe ich vor zehn Jahren in einem Fenster der Villa ein Schild gesehen auf dem das Haus vom Bundesvermögensamt zum Kauf angeboten wurde. Das weitere kann man sich denken. Eine Geschichte von vielen.
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Das im Stil gleiche Nachbargebäude der Villa. Beide Häuser sind glücklicherweise gut gesichert.
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Villa an der Zschopauer Straße
Chemnitz 1870er Jahre

Eine der wenigen Chemnitzer Gründerzeitvillen, welche damals nicht im so beliebten klassizistischen Stil gebaut wurde, befindet sich an der Zschopauer Straße. Leider konnte ich über das Haus bisher nichts in Erfahrung bringen. Auffällig ist, trotz langjährigem Leerstandes, der gute Zustand des Gebäudes. Auch von der Originalarchitektur ist wenig verloren gegangen. Im Inneren finden sich noch historische Decken, Flügeltüren und sogar Wandvertäfelungen.
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in immer noch schöner Anblick. Nichts desto trotz, wird auch dieses Gebäude ohne Instandsetzungsmaßnahmen Schaden in den kommenden Jahren nehmen.

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Eine sehr schöne Fassadengestaltung. Es haben sich sogar die historischen Kreuzfenster erhalten.
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Auch bei diesem Haus, wurde auf die Gestaltung des Eingangsbereiches und besonders der Haustür großer Wert gelegt.
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Hinter dem Haus gibt es ein kleines Gartengrundstück.
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Villa Imhof
 Chemnitz 1874

Eines der ersten Gebäude, welches auf dem Kassberg in seiner Eigenschaft als Wohnsitz für besser Betuchte errichtet wurde, ist die Villa Imhof an der Ahornstraße. Dieser Bauplatz bot damals den Vorteil einer Südhanglage und die Nähe zur gut erschlossenen Zwickauer Straße. An dieser Stelle und auch anderswo in Chemnitz wurden Grundstücke zur Bebauung mit Villen oder Villen selbst von Baugesellschaften die in Form von Bauträgern agierten angeboten. Die Villengrundstücke an der Ahornstraße waren seit 1873 parzelliert und wurden von der “Chemnitzer Baugesellschaft” angeboten.
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Bauherr der Villa war der Textilfabrikant Imhof. Seit 1884 war seine Witwe Louise Imhof Eigentümerin. Sie lebte mit ihren fünf Kindern im Haus. Um 1900 ließ der neue Eigentümer Paul Sting, durch den Architekten Wenzel Bürger, Umbauten an der Villa ausführen. Bürger war der Architekt so bekannter Chemnitzer Gebäude, wie der Synagoge und dem Metropol Theater. Er erwarb 1933 selber die zu diesem Zeitpunkt heruntergekommene Villa und ließ sie grundlegend sanieren. Den Krieg überstand das Gebäude ohne größere Schäden und wurde in der Folgezeit zu Wohnzwecken und als Bürohaus genutzt. Vielen ist die Villa noch in ihrer letzten Nutzung als Kindergarten bekannt.
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Die Fassade der Villa ist reich mit aufwendigen architektonischen Details gestaltet.
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Zur Erbauungszeit der Villa lebten die meisten Chemnitzer noch in kleinen Fachwerk- und Biedermeierhäusern. Da stellte so ein Haus den puren Luxus dar.
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Marmor-Palast
Altendorf 1874

Bei der Recherche für diese Seite musste ich feststellen, dass tatsächlich kein einziges der großen Chemnitzer Konzert- und Ballhäuser den Sprung in unsere Zeit geschafft hat. Was im 2. Weltkrieg nicht zerstört wurde, ist nach der Wende abgerissen wurden, brannte ab oder wurde zum Bürohaus umfunktioniert. Derzeit laufen Sanierungsarbeiten an der Zeisigwaldschänke und an Bochmanns Ballhaus an der Frankenberger Straße. Der Marmor-Palast wartet derweil weiter auf Rettung. Das Schicksal des Marmor-Palastes ist für viele Chemnitzer ein Thema, war er doch in den Jahrzehnten der DDR fester und beliebter Bestandteil kulturellen Lebens in unserer Stadt. Wie ich vor einigen Tagen die Fotos hier gemacht habe, konnte ich mich vom schlechten Bauzustand des Gebäudekomplexes überzeugen. Es gibt inzwischen große Risse im Mauerwerk, die Fenster sind kaputt und das teilweise nur mit Dachpappe eingedeckte Dach macht auch keinen guten Eindruck. Wie weiter mit dem Marmor-Palast? Das Gebäude gehört der Stadt Chemnitz. Diese bietet es seit Jahren ohne Erfolg zum Kauf an. Nun ist die Bausubstanz des Marmor-Palastes inzwischen in einem dermaßen schlechten Zustand, dass es in den nächsten Jahren um die Existenz des Gebäudes geht. Das heißt, die Verantwortlichen bei der Stadt müssen sich für oder gegen den Marmor-Palast entscheiden. Eine aufwendige Sicherung wird in naher Zukunft unumgänglich. Sonst ist das traditionsreiche Haus nicht mehr zu retten.
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Das Konzert- und Ballhaus Marmor-Palast wurde 1874 als Nachfolger für den zuvor abgebrannten Gasthof “Zum Deutschen Hof” erbaut. Seit dem letztem Drittel des 19. Jahrhunderts entstanden in ganz Chemnitz eine Vielzahl vergleichbarer Etablissements. Chemnitz’ zu einem Großteil aus Arbeitern bestehende Bevölkerung, suchte in diesen Erholung und Zerstreuung von der harten Arbeit in der Industrie. In einer Zeit wo es noch kein Kino oder Fernsehen gab und man die Stadt auch nicht mal einfach so verlassen konnte (die wenigsten hatten ein Reitpferd oder konnten sich eine Zugfahrt mit der ganzen Familie leisten), war der Besuch eines Konzert und Ballhauses vergleichbar mit einem Wochenendausflug in unseren Tagen. Viele dieser Etablissements boten neben Speis und Trank, sowie Tanzmusik auch noch eine Parkanlage in der nicht selten ein kleiner Tierpark zu finden war. Nachdem alle Chemnitzer Theaterspielstätten am Ende des 2. Weltkrieges zerstört waren, nutzte man den 1100 Plätze fassenden Saal des Marmor-Palastes als Theater. 1952 erfolgte die Umbennung in “Operettenhaus”. Nachdem das Operettenhaus 1958 wegen baulicher  Mängel und  den inzwischen wieder aufgebauten Chemnitzer Spielstätten geschlossen wurde, diente das Gebäude dem Theater  bis 1996 als Probebühne und Möbelmagazin. Bis Ende der 70er Jahre befand sich im Haus das Tschechische Nationalitäten-Restaurant “Slavia”. Bekannte Namen hat der Marmor-Palast auch gesehen. 1925 kam es während einer Saalschlacht nach einem Auftritt Josef Goebbels zu einem Todesopfer. 1952 fand im Marmor-Palast die Aktivierung der freien Deutschen Jugend mit dem damaligen FDJ Vorsitzendem Erich Honecker statt.
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Der Marmorpalast im Januar 2008
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Gießerei Richter
gegr. in Harthau 1838

Einer der ältesten Chemnitzer Industriestandorte befindet sich im südlichen Chemnitzer Stadtteil Harthau. Wer die City-Bahn Chemnitz-Stollberg benutzt, wird das verfallene Gebäudeensemble von der Vorbeifahrt kennen. Sichtbar schreitet in letzter Zeit der Verfall der alten Gießereihalle voran. Teile deren Außenwände sind kürzlich eingefallen. Derzeit (Februar 2008) sind auf dem Grundstück Beräumungsarbeiten zu beobachten. Es ist also warscheinlich, dass der Abriss der Halle kurz bevor steht. 2002 erwarb ein Regensburger Unternehmen die Halle von der Treuhand Liegenschaftsgesellschaft Berlin. Zu welchem Zweck war nicht in Erfahrung zu bringen, das Unternehmen konnte ich trotz zweier mir bekannter Adressen leider nicht erreichen. Zum Grundstück der Gießerei Richter führt einzig eine marode Brücke über die Würschnitz. Ein Abriss der Halle ist kostspielig. Wegen der Hochwassergefahr ist das Grundstück auch nicht für eine Wohnhausbebauung geeignet. Das ehemalige Fabrikantenwohnhaus befindet sich im Eigentum eines Chemnitzer Wohnungsunternehmens. Dieses lässt das Gebäude Fremdverwalten. Auf meine Anfrage zur Zukunft des Gebäudes bei diesem Wohnungsunternehmen war dort noch nicht einmal bekannt, das man Eigentümer des Gebäudes ist.
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Die Geschichte des Industriestandortes beginnt Mitte des 18. Jahrhunderts, als am Hang an der Würschnitz Vorkommen von Kupfer entdeckt werden. Zur Verarbeitung dieser, errichtet man auf dem Grundstück einen durch Wasserkraft angetriebenen Fallhammer. Das an einem Bogen der Würschnitz gelegene Areal war Ideal zur Anlage eines Mühlgrabens. Friedrich Georg Wieck schreibt dazu 1841 in seiner Publikation “Sachsen in Bildern”, dass das Marienberger Amt die Kupfergrube bei Harthau im Jahre 1748 wieder aufnahm und dass ein Pochwerk angelegt wurde, welches man aber nach wenigen Jahren wieder still legte. Dieses Pochwerk stand noch bis 1919, wobei aber schon im Jahr 1890 das Wasserrad wegen Wassermangel ausgebaut worden war. Für das Jahr 1838 wird von der Gründung einer Tiegelgießerei für Eisenguss, durch den Hufschmied Carl Gottlieb Richter, auf dem Grundstück berichtet. Der Eintrag in das Chemnitzer Handelsregister als “Eisengießereigeschäft” erfolgt 1840. In den kommenden Jahren baut Richter das Unternehmen aus. Ein Kupolofen mit Ventilator wird errichtet, ab 1850 kommt eine Dampfmaschine zum Einsatz. Nebenher betreibt Carl Gottlieb Richter noch Landwirtschaft und seit 1850 eine Baumwollspinnerei in Hormersdorf. Das nachfolgende Gemälde zeigt eine Ansicht der Gießerei Richter um 1845.
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Die Fabrikanlage um 1840. In der Bildmitte, das alte Pochwerk aus dem 18. Jahrhundert.
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Die Aufnahme um 1900 zeigt die Fabrikanlage mit den Mitte des 19. Jahrhunderts neu entstanden Bauten, Fabrikantenvilla und Fabrikhalle.
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1870 verunglückt Carl Gottlieb Richter auf einer Fahrt mit dem Pferdegeschirr nach Hormersdorf. Seine Erben verkaufen das Unternehmen zwei Jahre später an Moritz Gebhardt. 1874 wird Eduard Mamroth, Bankier aus Berlin, Eigentümer der Gießerei. Dieser lässt die heute noch erhaltene Gießereihalle errichten und mit zwei Kupolöfen, einem Laufkran, sechs Drehkränen und sechs Formmaschinen ausstatten. 70 Arbeitskräfte fertigen in jenen Jahren für namhafte Kunden aus der Chemnitzer Industrie wie Hartmann, Haubold, Schönherr oder Zimmermann Gußteile bis 5000 kg. Nach dem Rückkauf des Unternehmens, durch Richard Bruno Richter und Ernst Theodor Richter 1885, bleibt die Gießerei bis 1948 unter dem Namen “Gebrüder Richter, Eisengießerei” in Familienbesitz. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges vollzieht sich der rasche Niedergang. 1948 verpachtet der letzte Inhaber Carl Friedrich Richter die Gießerei an die GUS Vereinigung Volkseigener Betriebe für Guss- und Schmiedeerzeugnisse Leipzig. Bis 1951 arbeitet die Gießerei unter dem Namen “GUS Harthauer Werkzeugmaschinenguß VEB”, geht dann als Werk III/2 in den VEB Vereinigte Chemnitzer Gießereien ein, wird aber schon zwei Jahre später geschlossen. In der Halle war nachfolgend das Großhandelskontor Papier und Tapeten untergebracht. Das ehemalige Fabrikantenwohnhaus wurde noch nach der Wende bewohnt, steht aber nun schon über ein Jahrzehnt leer. Bis vor wenigen Jahren flankierten zwei gusseiserne Löwen (ehemals vergoldet) dessen Eingangsbereich. Eines Tages waren sie weg. Man sprach von Diebstahl.
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Das Wohnhaus lässt Firmengründer Carl Gottlieb Richter 1861 errichten. Im Original war es wahrscheinlich Beige oder in einem gebrochenen Weißton abgefärbt. Es existiert eine Bauzeichnung aus dem Jahr 1910 von dem renommierten Chemnitzer Architekturbüro Kornfeld & Benirschke für einen Neubau des Wohnhauses, der aber nicht ausgeführt wurde.
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Außenansicht der Gießereihalle von 1872. Der heutige ruinöse Anblick darf nicht über den qualitätvollen Originalzustand der Halle hinwegtäuschen. Man muss sie sich ohne die heutigen Anbauten in weiß oder beige und mit schwarzem  Schieferdach vorstellen. Im Hintergrund stand bis zu dessen Einsturz vor einigen Jahren auch noch der schöne historische Schornstein. Derart Fabrikhallen waren in Chemnitz einmal in großer Anzahl zu finden. Heute gibt es im Stadtgebiet kein halbes Dutzend mehr davon.
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Blick in die Gießereihalle. Saniert wäre sie ein sehr schöner Rahmen für Konzerte und andere Veranstaltungen gewesen. Inzwischen ist sie teilweiße eingefallen. Die neuerlichen Aktivitäten auf dem Grundstück lassen einen baldigen Abriss der Halle vermuten.
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Die beiden erhaltenen Kupolöfen in der Gießereihalle.
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Selbst als Ruine bietet die alte Fabrikhalle noch ein schönes Fotomotiv. Hier eines der Fenster, das in dieser Größe zur Beleuchtung des Halleninneren notwendig war.
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Auf dem Friedhof der Alten Kirche in Harthau findet man das Erbbegräbnis der Familie Richter. Es wurde erst vor wenigen Jahren zusammen mit anderen erhaltenen Grabanlagen, wie der des Chemnitzer Wollkönigs Carl Friedrich Solbrigs, wieder freigelegt.
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Nachtrag 19. Juli 2009
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Die historische Eisengießerei Richter in Chemnitz-Harthau ist kürzlich an einen neuen Eigentümer verkauft worden. Der junge Mann plant, wie ich von ihm erfahren konnte, das Wohnhaus, Stück für Stück, nach seinen Möglichkeiten zu sanieren. Die ruinöse Gießereihalle plant er nicht zu sanieren. Diese soll sich selbst überlassen werden oder später abgerissen werden.
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Kammgarnspinnerei Paul Schaefer & Co.
Commanditgesellschaft auf Actien

Harthau 1886

Eine der wenigen erhaltenen großen Gründerzeitfabrikanlagen in Chemnitz findet man in Chemnitz-Harthau an der Annaberger Straße 348/350. Das Baudenkmal ist nicht mehr zu retten, es gibt kein Engagement hierfür. Die Gebäude befinden sich inzwischen in einem Zustand, welcher bei einer Sanierung nach Aufwendung hoher finanzieller Mittel verlangen würde. Eine derartige Investition ist nicht zu erwarten. Bereits in Kürze kommt es zum Abbruch der ersten Gebäude des denkmalgeschützten Ensembles.
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Am 8. April 1886 gründen im Chemnitzer Hotel Reichhold an der Albertstraße die Herren Scheller, Hess, Böhme, Buschendorf, Heinze und Schaefer die Kommanditgesellschaft auf Aktien “Kammgarnspinnerei Schaefer & Co.”. Zum Geschäftsführer des Unternehmens wird der 39 jährige Paul Friedrich Schaefer (1847-1904), vormals kaufmännischer Direktor der Sächsischen Kammgarnspinnerei Harthau ernannt. Gegenstand des Unternehmens ist die “Herstellung und der Verkauf von einfachen und gezwirnten Kammgarnen und eventuell die Herstellung von gekämmter Wolle”. Mit dem von den Gesellschaftern eingebrachtem Stammkapital der KG in Höhe von 800.000 Mark konnten bereits seit 1885 auf dem Areal an der Annaberger Straße das Kammgarnspinnereigebäude, die Schmiedewerkstatt, das Dampfmaschinengebäude und eine Kistenbauerei als baulicher Grundstock des Unternehmens errichtet werden.  Die Gründung der Schäferchen Spinnerei fiel in eine für die Branche günstige Zeit, die Unternehmensbilanzen vielen von Anfang an positiv aus, so konnte bereits 1889 von den Gesellschaftern eine Erhöhung des Stammkapitals beschlossen werden. Der Ausbau der Fabrik wurde weiter vorangetrieben,  bis 1908 entstanden mehrere Gebäudean- und neubauten. So z.B. 1889 die beiden Beamtenwohngebäude, 1892 das Dampfkesselgebäude und 1894 das Kontorgebäude. Mit der Eröffnung der Bahnstrecke Chemnitz-Stollberg 1895 erhielt das Unternehmen zudem einen 300 m langen Gleisanschluss.
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Um die Jahrhundertwende waren ca. 350 Arbeitskräfte in der Spinnerei beschäftigt. Die Löhne in der Schäferchen Spinnerei lagen über dem Durchschnitt anderer Spinnereien. Anreize sollten die Produktivität der Arbeitskräfte erhöhen, so wurde bei Schäfer zur Unterstützung der im Unternehmen beschäftigten Mütter eine Kinderbewahranstalt eingerichtet. Während des 1. Weltkrieges produzierte die Spinnerei im Auftrag der Heeresverwaltung farbige Garne, die für die Fertigung von Uniformstoffen benötigt wurden. So war es dem Unternehmen, als einem der wenigen in dieser Zeit, möglich, einen Gewinn am Jahresende auszuweisen. Die Anzahl der Arbeitskräfte betrug in jenen Jahren im Durchschnitt 150, davon waren der überwiegende Teil Frauen. 1918 wurde durch eine Verfügung der Reichsregierung die Kammgarnspinnerei für das gesamte Jahr stillgelegt. Im Februar 1919 wurde die Produktion in beschränktem Umfang wieder aufgenommen, die Aktionäre für das ausgefallene Jahr entschädigt.
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Eines der Ereignisreichsten Jahre in der Geschichte der Kammgarnspinnerei Schaefer & Co. war das Jahr  1927. Am 10. Mai des Jahres fusionieren die Sächsische Kammgarnspinnerei Harthau, die Kammgarnspinnerei Schaefer & Co. AG Harthau und die Wollindustrie AG Chemnitz zur “Vereinigte Kammgarnspinnereien AG Harthau”. Von der Verschmelzung erhoffte man sich Vorteile, so eine engere Zusammenarbeit beim Ein- und Verkauf durch den Umzug des kaufmännischen Personals von “Schaefer in die “Sächsische”, des weiteren sollten Steuern und verschiedene Unkosten eingespart werden. Das Unternehmen gerät aber in den folgenden Jahren in wirtschaftliche Schwierigkeiten, mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten kommt es zu Engpässen bei der Rohstoffbeschaffung. Es gibt Versuche das Unternehmen zu Sanieren, diese haben aber negative Auswirkungen auf die Produktivität der Fabrik. 1935 und 1936 bessert sich die Lage. Am 17. Juni 1937 erfolgt durch Beschluss der Generalversammlung der Vereinigte Kammgarnspinnereien AG die Umwandlung des Unternehmens in eine Kommanditgesellschaft unter der Firmenbezeichnung “Vereinigte Harthauer Kammgarnspinnereien Vent & Co. KG”. Geschäftsführer wird der Kaufmann Max Vent aus Harthau. Die ehemalige Schäfersche Spinnerei fungiert jetzt als Werk II im Unternehmen. Mit Beginn des 2. Weltkrieges sollen wegen fehlender Rohstoffe beide Harthauer Kammgarnspinnereien auf Beschluss der Reichsstelle für Wolle und andere Tierhaare Berlin stillgelegt werden. Durch Intervention Max Vents kann zumindest im Werk I mit einem Abfallspinnstoff vorerst weiter Garn produziert werden. Werk II wird geschlossen. 254 Arbeitskräfte werden entlassen.
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Ende 1942 bekundet die Deutsche Werft Kiel AG mit der Absicht “ ... ein Zweigwerk mit einer voraussichtlichen Gefolgschaftsstärke von 1500 Mann zu errichten” Interesse am Werk II der Vereinigten Harthauer Kammgarnspinnereien und der benachbarten Geldschrank-Fabrik C. Robert Drechsler & Wagner.

Aus einem Schreiben vom 11.01.1943 von der Wirtschaftskammer Sachsen an die Industrie und Handelskammer Chemnitz und einem Besprechungsprotokoll vom 13.01.1943 geht hervor, das Werk II, zur Rüstungsproduktion zu Gunsten der Deutschen Werft Kiel “im Interesse einer neuartigen und außergewöhnlich dringlichen Fertigung” beschlagnahmt werden soll. Gemeint ist die Torpedoproduktion am Standort Friedrichsort der Deutschen Werft Kiel. Die Torpedoproduktion sei Kriegsentscheident und soll in ein nicht “Luftgefährdetes Gebiet” verlegt werden. Andere geeignete “Räume” (zur Produktion) hätten sich nicht gefunden, so sei man über die Wehrwirtschaftsinspektion im Wehrkreis IV, Dresden, auf Harthau gekommen. Da im Harthauer Werk II nur Platz zur Produktion sei, nicht aber zur Lagerhaltung, müsse auch das benachbarte Fabrikgrundstück der Firma C. Robert Drechsler und Wagner beschlagnahmt werden. Die Autounion, welche auch Interesse am Werk II in Harthau hat, müsse nachstehen, da die Verlagerung der Deutschen Werft Kiel Kriegswichtig wäre und auf einen Führerbefehl zurückgehe. Aus dem Besprechungsprotokoll erfährt man weiter, dass es wohl problematisch wäre die Energieversorgung des Werkes zu gewährleisten. Weiter stellt die Unterbringung der etwa 100 deutschen Arbeitskräfte ein großes Problem dar, da die Region Chemnitz überbevölkert sei. Zur Not müssten diese erst einmal in Baracken unterkommen. Weiter heißt es, dass die 100 deutschen Arbeitskräfte nicht aus dem Chemnitzer Bezirk rekrutiert werden könnten, die ausländischen Arbeitskräfte durch den Herrn Reichsminister für Bewaffnung und Munition beschafft werden würden.

Max Vent lehnt den Verkauf des Werkes aber ab, so wird es ab Februar 1943 für 190.000 Reichsmark jährlich an die Deutsche Werft Kiel AG vermietet. Diese nutzte Werk II als “Verlagerungsbetrieb” zur Produktion von U-Boot-Torpedoteilen. Für die neue Nutzung des Werkes musste der vorhandene Maschinenpark ausgebaut werden. Ein Teil wurde eingelagert die langen Selfaktoren (15m) aber wegen der hohen Kosten für Konservierung und Lagerung verschrottet. Zur sicheren Lagerung der produzierten Torpedoteile wurde vermutlich der alte Bergwerkstollen am Würschnitzhang neben der Fabrik ausgebaut. Die in der Fabrik tätigen Fremdarbeiter waren in Harthau im Fremdarbeiterlager Rehwiese und im dafür umgebauten “Gasthaus Frenzel” untergebracht. Die Kriegsproduktion der Deutschen Werft Kiel AG im Werk II der Vereinigten Harthauer Kammgarnspinnereien wurde später der Firma Gerätebau Harthau GmbH übertragen. Das Mietverhältnis lief aber weiter mit der Deutschen Werft Kiel AG. Bei Kriegsende versuchen die Vereinigten Harthauer Kammgarnspinnereien sofort eine Kündigung dieses Mietverhältnisses zu erreichen. Das Werk wird aber von den Alliierten als Rüstungsbetrieb eingestuft und im Laufe des 2. Halbjahres 1945 zu 100 % demontiert. Ab Oktober 1945 belegt es die Rote Armee als Kaserne und Kraftwagenreparaturwerkstatt. Ein Zutritt für die Bevölkerung ist nicht mehr möglich.
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Mit dem Volksentscheid zur Schaffung von volkseigenen Betrieben durch  Enteignung von Unternehmen am 30. Juni  1946 bei der 77,6 % der Bevölkerung der SBZ mit “Ja” stimmten, werden auch die Vereinigte Harthauer Kammgarnspinnereien Vent & Co. KG enteignet. Seit 1. Juli 1946 war es landeseigenes Unternehmen Sachsens und gehörte als Zweigbetrieb zur Industrieverwaltung 39 Spinnerei Glauchau. Das Unternehmen wurde in der Folge treuhänderisch verwaltet, als Treuhänder Alfred Kräusel eingesetzt. Max Vent war schon seit 9. Februar 1946 nicht mehr zur Leitung des Unternehmens berechtigt. Während im Werk I die Produktion im Juni 1945 wieder anlief, war eine Rückführung des Werkes II zur Kammgarnspinnerei, wegen dessen Rüstungsproduktion im Krieg und der daraus folgenden Besetzung des Werkes durch die Rote Armee, ausgeschlossen.

Die Industrieverwaltung 39 Spinnerei Glauchau wendet sich im Juni 1947 an die Hauptverwaltung landeseigener Betriebe Sachsen:

... Auch bis heute kann unser Zweigwerk über die Gebäude noch nicht verfügen, obgleich es von der Besatzungsmacht geräumt aber nicht freigegeben wurde.”
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1950 ordnet die SMAD den Komplex der SAG Wismut zu. Diese unterhält dort über Jahrzehnte bis Mitte 1992 ihr Materiallager für die Urangruben des Erzgebirges und das Ersatzteillager für den Kraftfahrzeugpark der Wismut. Über größere Zeiträume wurden auch Fahrzeugreparaturen und Neuaufbauten sowie Entkonservierungen von Teilen durchgeführt. Gleichzeitig wurde die Anlage als Stahl- und Buntmetalllager genutzt. Mit der Auflösung der SDAG Wismut im Dezember 1991 wird deren Nachfolger “Wismut GmbH” Eigentümer des Komplexes. Im Rahmen eines Projektes zur Arbeitsbeschaffung wird ab 1993 auf dem Gelände ein Fahrzeughof eingerichtet, der Komplex hierfür teilweiße von der Wismut GmbH an den Träger des Projektes “Gemeinnützige Regionale Aufbaugesellschaft Chemnitz GmbH” vermietet. Ab April 1995 wird die Realisierung der Maßnahme der ABS WeTexbau übertragen. 8 Mitarbeiter waren zu diesem Zeitpunkt im Fahrzeughof beschäftigt. Inzwischen ist daraus die “Fahrzeughof Industriewerk Chemnitz GmbH” mit 5 Mitarbeitern entstanden. Es wird die umweltgrechte Verwertung von Fahrzeugen und eine sichere Unterbringung von PKWs, Wohnwagen etc. angeboten.
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Der historische Fabrikkomplex hat während der Wismutjahrzehnte keine Instandsetzungsmaßnahmen erlebt. Am 18. Dezember 1980 wurde die Anlage unter Denkmalschutz gestellt, doch schon 4 Jahre später musste ein erstes historisches Gebäude der architektonischen Einheit wegen Baufälligkeit abgerissen werden. In den letzten Jahren vor der Wende konnte die Wismut den Komplex wegen dessen maroden Zustandes nur noch eingeschränkt nutzen. In einer 1988 angefertigten Studie wurden 17 Mill. Mark der DDR für eine Rekonstruktion der Gebäude veranschlagt. Zu einer Sanierung kam es wegen dieses hohen Investaufwandes nicht. Die SDAG Wismut hatte ohnehin den gesamten Abbruch des Gebäudekomplexes bis zur Jahrtausendwende ins Auge gefasst, da der Lagerbereich des Unternehmens ins Stadtgebiet Siegmar verlegt werden sollte. 1996/97 kam es dann zum Abbruch großer Teile der historischen Fabrikanlage. Mit Blick auf eine spätere Nutzung des Areals, ließ man aber einen Teil der Shedhallen, das Kontorgebäude, das architektonisch reizvolle Lohnbüro und den historischen Schornstein stehen. Zehn Jahre sind seit dem vergangen, an den historischen Gebäuden hat es bisher weder Sanierungs- noch Sicherungsarbeiten gegeben. Von Verkaufsbemühungen seitens der Wismut GmbH oder einem Zukunftskonzept für das Baudenkmal hörte man nichts. Man überließ alles sich selbst. Inzwischen befinden sich alle historischen Gebäude auf dem Areal in einem ruinösen Zustand. Demnächst sollen die beiden Beamtenwohnhäuser abgerissen werden. Ausgerechnet diese sind von allen Gebäuden des Komplexes noch am besten erhalten und waren bis vor kurzen auch noch bewohnt.
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Das ehemalige Personal- und Lohnbüro. Der architektonische Mittelpunkt der Fabrikanlage, befindet sich heute in einem erbarmungswürdigen Zustand.
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Der erhaltene Teil der Shedhallen der Schaeferschen Spinnerei, Beispiel für moderne Industriearchitektur der Zeit.
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 Das ehemalige Kontorgebäude von Schaefer & Co.
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Die für alle Gebäude typischen braun lasierten Dachziegel sollen aus italienischer Produktion stammen.
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Eines der leerstehenden Gebäude auf dem Fabrikareal.
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Die beiden Beamtenwohngebäude der Schaeferschen Spinnerei. Sie sollen abgerissen werden. Bis vor kurzen waren die Häuser noch bewohnt, die Mieter mussten ausziehen. Die beiden Gebäude hätten also noch zugunsten des Harthauer Ortsbildes und eines Gesamtdenkmales “Spinnerei Schaefer” erhalten werden können. Schon vor einigen Jahren fiel auf deren Nachbargrundstück eine Jugendstilvilla. Auch dieses Haus befand sich in einem sanierungsfähigen Zustand, es gab sogar einen Kaufinteressenten aus dem Ort.
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Die Villa Schäfer. Heute leider mit falscher Dacheindeckung. Das oft angeführte Baujahr der Villa 1873/74 kann nicht stimmen. Paul Schaefer war zu diesem Zeitpunkt noch kaufmännischer Direktor in der Sächsischen Kammgarnspinnerei Harthau. Ob das ausgereicht hätte um eines der größten Chemnitzer Villenanwesen der Zeit zu bauen ist fraglich. Die ersten Gebäude der Schaeferschen Spinnerei gegenüber entstanden erst ab 1885.
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Das Heizhaus des Palmenhauses des Schaeferschen Villenanwesens. Ein Palmenhaus wie dieses (auf dem nachfolgendem Foto ist es gut zu erkennen) hat es in Chemnitz kein zweites gegeben. Für einen Wohnhausneubau wurde es um 1915 abgerissen.  Da dieses Wohnhaus nunmehr auch kurz vor dem Abbruch steht, kann davon ausgegangen werden, dass das dahinterliegende historische Heizhaus auch gleich mit beseitigt wird.
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Blick zum Schaeferschen Villenanwesen mit Palmenhaus (rechts) und Gartenhaus (links) um 1906. Davor die beiden Beamtenwohnhäuser.
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1885 ließ Paul Schaefer gegenüber der Fabrik das Haus Annaberger Straße 75 errichten und vermietete es an die Reichspost als Postgebäude.
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Die ehemalige Post heute.
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Kleine Schule Harthau
Harthau 1891


Harthau verdankt seiner regen industriellen Vergangenheit einen umfangreichen Bestand an historischen Gebäuden. Dazu gehören auch vier Schulgebäude. Die Solbrigsche Fabrikschule von 1836, hier unter “Baudenkmäler der Biedermeierzeit” vorgestellt, das Kirchschulgebäude von 1861 unterhalb der alten Harthauer Kirche, heute ein Mietshaus, die Grundschule Harthau, Harthaus letzter großer Schulneubau von 1901 und deren Vorgänger, das “kleine Schule” genannte Schulgebäude aus dem Jahr 1891. Dieses steht nun, nachdem die Mittelschule Harthau geschlossen wurde auch schon über ein Jahr leer und man hat bisher nichts von Bemühungen seitens der Stadt gehört das Gebäude zu verkaufen.
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Fraglich ob es für die kleine Schule Harthau überhaupt eine Zukunft geben kann. Die in Chemnitz oft praktizierte Neunutzung “Altenheim” für derart Gebäude ist wegen der Größe und der Lage des Gebäudes kaum denkbar. Ein Umbau zum Büro- oder Wohnhaus fällt wohl auch eher in den Bereich der Utopie. Da sind in Chemnitz schon ganz andere Gebäude in besseren Lagen abgerissen wurden. Wenn noch, wie im Fall der kleinen Schule Null Engagement hinzukommt, ist deren Schicksal eigentlich schon besiegelt. Überhaupt sind in Sachen Abriss in Harthau jegliche Hemmungen gefallen. Egal welche Historie ein Gebäude hat, welche architektonische Qualität es besitzt, wie es im Ortsbild eingebunden ist, es wird letztendlich doch abgerissen.
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Mit dem Bau dieses Schulgebäudes konnte in Harthau der Unterricht fortan in 6 Klassenzimmern 7-stufig durchgeführt werden. Die historische Fotografie oben entstand im Jahr 1901 aus Anlass der Weihe der neuen Schule nebenan. Das Gebäude ist hier noch im Originalzustand zu sehen. Heute fehlen die Dachgauben und die Zierelemente auf dem Risalit.
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Nur zehn Jahre reichte die Kapazität der kleinen Schule, dann musste Infolge einer immer weiter expandierenden Harthauer Industrie und damit steigender Einwohnerzahl ein neues größeres Schulgebäude gebaut werden.
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Die beiden Harthauer Schulen vor 50 Jahren. Wird diese Ansicht eine Zukunft haben?
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Unvergessen in Harthau, Richard Merkel (1870-1940). Von 1899-1935 war er Direktor der Harthauer Volksschule. In der kleinen Schule bewohnte er die Direktorenwohnung.
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Direktor Merkel auf dem Weg von der kleinen Schule in die große Schule.
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Was wird werden?
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Villa Riemann
Chemnitz 1896

Ein echter Ladenhüter unter den Immobilienangeboten der Stadt Chemnitz ist die Villa Riemann an der Fürstenstraße. Schon seit 1994 steht sie leer. Zuletzt war darin ein Kindergarten untergebracht. Die 1896 errichtete Villa war einst Wohnsitz der Eigentümer eines der ehemals bekanntesten Chemnitzer Unternehmen. Der Fahrzeuglampenfabrik Riemann. Der ruinöse Fabrikkomplex grüßt mit seinem stadtbekannten Wahrzeichen, dem Riemann-Turm, heute noch vom Sonnenberg.
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Anfang des 20. Jahrhunderts standen ca. 900 Beschäftigte bei Riemann in Lohn und Brot. Zu diesem Zeitpunkt galt die Firma als Marktführer in Sachen Fahrzeugbeleuchtung, erhielt für ihre Produkte sogar internationale Auszeichnungen, wie dem Grand Prix 1910 auf der Brüsseler Weltausstellung. Selbst der sächsische König Friedrich August besuchte 1905 das Werk. Fahrzeugbeleuchtung und Signaleinrichtungen waren so gefragt, dass das Werk auch die Weltwirtschaftskrise überstand. Während des 2. Weltkrieges erreichte das Geschäft seinen Höhepunkt. Die DDR brachte auch für das Unternehmen Riemann die Enteignung und Umwandlung in einen volkseigenen Betrieb. Der VEB Fahrzeugelektrik beschäftigte inklusive seiner Zweigwerke 1500 Menschen. 1992, nach erfolglosem Versuch das Unternehmen in die Marktwirtschaft zu führen, kam das Aus für den Traditionsbetrieb. Vor einigen Jahren machte der Komplex noch einmal Schlagzeilen, wie die Besitzer der angrenzenden Kleingärten mit Hilfe einer MDR Fernsehsendung den Abriss der Industrieruine durchsetzen wollten.
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Die Fahrzeuglampenfabrik Riemann auf dem Sonnenberg, 1924.
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Trotz des langen Leerstandes, befindet sich die Villa, dank einer guten Sicherung, in einem noch sanierungsfähigen Zustand. Ganz in der Nähe gibt es auch noch die “neue” Villa Riemann (um 1910). Heute als Wohn- und Bürohaus genutzt, ist diese eines der schönsten Chemnitzer Villenanwesen.
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