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CHEMNITZ IM FRÜHEN 19. JAHRHUNDERT
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Wer sich heute Bildmaterial von Chemnitz aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anschaut, muss sich unweigerlich in die abgebildete Stadt verlieben. Nur an den Rathaustürmen kann man erkennen dass es sich um Chemnitz handelt, so sehr hat sich das Bild der Stadt seit damals verändert. Zwischen 10000 und 30000 Menschen lebten in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Chemnitz. Von den Ausmaßen umfasste das Stadtgebiet kaum das heutige Areal zwischen Bahnhof-, Brücken- und Theaterstraße. Darüber hinaus grenzten Wiesen und Felder an das Stadtgebiet. Die Gebäude der Stadt waren in ihrer Architektur schlicht gehalten, nach menschlichem Maß gebaut, zwei, maximal drei Geschosse hoch und immer freundlich abgefärbt, meist in ockertönen. Dazu eine rote Eindeckung der Dächer.

Die Stadt war damals im Aufbruch. Nach dem ärmlichen 18. Jahrhundert, in dem man in Chemnitz noch mit den Folgen des 30 jährigen Krieges kämpfte und dann mit denen des 7 jährigen Krieges Mitte des Jahrhunderts, welcher Chemnitz in große Not stürtzte,  brachte seit Ende des 18. Jahrhunderts die in Chemnitz für Deutsche Verhältnisse sehr früh einsetzende industrielle Revolution, wirtschaftlichen Aufschwung. Die Chemnitzer befreiten sich von der alten, einengenden Stadtmauer. Liest man Texte aus der Zeit, spürt man eine große Begeisterung für alles Neue. Damals begründete Chemnitz seine Tradition des stetigen Umbruchs. Was dem Fortschritt im Weg war, musste weg. Weil man in der engen Stadt einen Verladeplatz brauchte, wurde das alte Gewandhaus am Markt, welches Generationen eh nur als baufällig kannten, abgerissen. Ähnlich erging es dem Schloss Chemnitz.


In diesen Jahren, das ist bekannt, emanzipierte sich das Bürgertum. Dieses verlangte nach Kultur und Bildung. In Chemnitz baute es sich auf dem zugeschütteten Stadtgraben eine Bürgerschule (1831) und ein sehr schönes Theater (1838). Nach der Arbeit und sonntags kehrten die Chemnitzer gern in eines der zahlreich vorhandenen Gasthäuser ein. Diese boten neben Speis und Trank auch immer eine musizierende Kapelle. Überhaupt wurde Geselligkeit groß geschrieben. In der Stadt gab es eine Vielzahl von Vereinen. Die Casinogesellschaft, eine Vereinigung Chemnitzer Kaufleute, baute sich sogar ein eigenes Haus mit Saal und Park. Neben dem geselligen Beisammensein hatten diese Vereinigungen nicht selten den Fortschritt der Stadt im Sinn. So den Bau einer Eisenbahnlinie von Chemnitz nach Riesa. Das große Chemnitzer Thema jener Jahre.

Fast nichts hat sich aus dieser Zeit im heutigem Chemnitzer Stadtbild erhalten. Schon im spätem 19. Jh. wurden die Alten, im Vergleich zur aufwendigen Gründerzeitarchitektur, ärmlich wirkenden Häuser en mass abgerissen und durch neue größere Gebäude ersetzt. Der Rest verschwand mit der Zerstörung der Stadt im zweiten Weltkrieg. Was danach noch an Bausubstanz aus der ersten Hälfte des 19 Jahrhunderts übrig war, musste zugunsten der sozialistischen Innenstadtbebauung weichen. So die letzten Biedermeierhäuser an der Gartenstraße im Stadtzentrum. Allenfalls in den Vororten haben sich heute noch vereinzelt Wohnhäuser aus dieser Zeit erhalten. Leider fast immer bis zur Unkenntlichkeit verändert oder in ruinösem Zustand.
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Spinnmeisterhaus
Harthau 1820/1913


Obwohl das Spinnmeisterhaus wegen seiner Lage am Stadtrand, bei den Chemnitzern wohl nicht so bekannt ist, ist dessen Verlust doch bedauernswert. Der Grund ist leicht ausgemacht, noch als Ruine bot es einen schönen Anblick. Der Leidensweg des Spinnmeisterhauses dauerte lang. Seit Mitte der 70er Jahre stand es leer und verfiel. Wer es noch einmal sehen möchte, muss sich beeilen. Demnächst wird es abgerissen.
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Das Spinnmeisterhaus war einst Teil einer biedermeierlichen Wohnsiedlung. In der “Bockwinkel” genannten Siedlung in Harthau lebten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Arbeiter und höhere Angestellte der benachbarten Bernhardschen Spinnerei, Sachsens erster Fabrik. Die Bezeichnung “Spinnmeisterhaus”, für zwei der Häuser der Siedlung, lässt vermuten, dass diese einst den Spinnmeistern der Fabrik gehörten. Ein schriftlicher Beleg dafür hat sich bisher aber nicht gefunden. Das Spinnmeisterhaus entstand 1820 als regionaltypisches Fachwerkhaus mit roter Dachziegeleindeckung und Fensterläden im Erdgeschoss. 1913 wurde es saniert und bekam dabei eine neue, massiv aufgeführte Fassade mit Putzrahmen und einem Blendbogen über dem Eingangsportal. Das Dach wurde mit Naturschiefer eingedeckt.

Der ehemalige Spinnereiarbeiter Friedrich Bernhard Lohse schreibt in seinen Lebenserinnerungen:

“Während meiner Schulzeit (Mitte 19. Jh.) wohnte ich mit meinen Eltern in dem Hause Wasserstraße 4. In diesem Hause betrieb der - Adler Bäck - sein Geschäft. Vor meiner Schulzeit hat sich in dem Hause Wasserstraße 4 die Färberei von Köhler befunden.”

Ab 1903 war, der von der evangelischen inneren Mission betriebene Kindergarten der Fabrik im Haus untergebracht. Nach 1945 diente es dann wieder zu Wohnzwecken.
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Das Spinnmeisterhaus im Jahr 2000. Eine Sicherung zum damaligen Zeitpunkt hätte das Gebäude retten können.
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Eigentümer des Spinnmeisterhauses ist seit den frühen 90er Jahren ein Chemnitzer Wohnungsunternehmen.
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Auf dieser um 1970 entstandenen Fotografie kann man das Spinnmeisterhaus noch einmal in alter Schönheit sehen.
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Der gleiche Blick zum Spinnmeisterhaus heute. Fast schon ironisch, dass in den nächsten Jahren auf dem Nachbargrundstück Fertigteileigenheime entstehen werden.
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Der ehemalige Bockwinkel mit dem Spinnmeisterhaus im Jahr 2000 ...
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... und um 1920.
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Einfach wunderschön. Das Eingangsportal in der Fassung von 1913 mit angeputztem Blendbogen mit Zahnschnitt. Die Flügeltür wurde noch zu DDR Zeiten gesichert, ist heute aber nicht mehr auffindbar.
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2000 sah das Eingangsportal so aus. Vor zwei Jahren ist es eingefallen.
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Gleich nebenan, das zweite Spinnmeisterhaus von 1826. Es wurde 1988 abgerissen. An dessen Stelle stand zuvor eine Wassermühl.e.
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Bernhard et. Comp., Sachsens berühmte erste Baumwollmaschinenspinnerei. Leider sind dem vom Architekten Johann Traugott Lohse entworfenem Gebäude bei dessen letzter Sanierung Fenster mit der falschen Sprossenteilung eingesetzt worden. Den für die Sanierung der berühmten Fabrik Verantwortlichen kam wohl nicht in den Sinn, während der Bauplanungsphase einmal historisches Fotomaterial vom Gebäude zur Hand zu nehmen.

Nachtrag: Das Spinnmeisterhaus ist im April 2008 abgerissen worden.
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Blick zum ehemaligen Standort des Spinnmeisterhauses im August 2008. Das Gebäude wurde eingerissen, der Schuttberg bleibt indes liegen.
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Solbrigsche Fabrikschule
Harthau 1836

Auch das Gebäude an der Klaffenbacher Straße in Harthau gehört zum Fabrikkomplex der ehemaligen Bernhardschen Spinnerei. 1836 wurde es unter dem damaligen Fabrikherrn Friedrich Georg Wieck wahrscheinlich als Wohnhaus für die Fabrikarbeiter und deren Familien gebaut. Wieck betrieb zu diesem Zeitpunkt zusammen mit Wilhelm Schönherr in den Räumen der ehemaligen Bernhardschen Spinnerei unter dem Namen “Sächsische Bobbinet-Manufaktur AG” Sachsens erste Tüllfabrikation.
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Ohne die günstige Arbeitskraft Kind konnte in der Frühzeit der Industrialisierung kein Unternehmen auskommen. In Chemnitz arbeiteten Kinder in den Fabriken, damals als Streichkinder in den Kattundruckmanufakturen oder als Andreher in den Spinnereien. Dies blieb so bis zur ersten gesetzlichen Einschränkung der Kinderarbeit in Sachsen 1861. Natürlich mussten die in den Fabriken arbeitenden Kinder auch ein Mindestmaß an Schulbildung erhalten. In Sachsen wurde erstmals 1766 in einer Verordnung geregelt, dass Eltern zu bestrafen sind, wenn sie ihre Kinder nicht vom 6. bis zum 14. Lebensjahr in die Schule schicken. Ab 1805 war der Schulzwang dann in einem Gesetz festgelegt. Für die Kinder die damals 12 Stunden am Tag in den Fabriken arbeiteten, war aber gar kein Schulbesuch möglich. So wurden neben dem bestehendem Schulsystem, Fabrik- und Abendschulen eingerichtet. Die Kinder, die einen ebenso langen Arbeitstag wie die Erwachsenen zu bewältigen hatten, mussten nun auch noch vor oder nach der Arbeit bzw. in der Mittagspause die Schule besuchen. 1835 wurden die Fabrikschulen den neugegründeten sächsischen Schulgemeinden unterstellt. Fabrik- und ähnliche Schulen waren nicht mehr zulässig. Unter der Bedingung das besondere Schulordnungen aufgestellt und genehmigt werden, gestattete man aber Ausnahmen. Diese Schulordnungen hatten die Ausstattung und den Zustand der Schulen (es handelte sich meist um ein Zimmer) sowie den Lehrer, der für den Unterricht verantwortlich war, zum Inhalt. Jedem Kind wurde ein wöchentliches Schulgeld vom Lohn abgezogen.

Der ehemalige Spinnereiarbeiter Friedrich Bernhard Lohse schreibt in seinen Lebenserinnerungen über seine Schulzeit in der Solbrigschen Fabrikschule Harthau:

“Mit Beginn des 5. Schuljahres wurde ich in die Solbrigsche Fabrikschule versetzt, die im ersten Stock des Hauses Klaffenbacher Straße 70 untergebracht war. Hier erhielten wir durch Lehrer Schädlich, dem nachmaligen Kantor von Brünlos, Unterricht. Als ich bereits konfirmiert war, wurde Lehrer Kupfer Fabrik Schulmeister. Wir Fabrikschulkinder mußten von 6 - 10 Uhr als Andreher in der Solbrigschen Spinnerei arbeiten. Von 10 - 12 Uhr erhielten wir Schulunterricht, und von 1 - 6 , bei flotten Geschäftsgange von 1 - 7 Uhr nachmittags, waren wir wieder im Spinnsaale tätig. Die erwärbsmäßige Kinderarbeit war in jenen Jahren noch erlaubt. Die Entlohnung betrug für jede volle Arbeitswoche 15 Groschen. Da Krankenkassen und Krankenfürsorge noch nicht bestanden, mußte mein Lungenkranker Vater so lange arbeiten, als es ihm möglich war. Wenn er einmal entkräftet hinsank und einschlief, habe ich in der kurzen Ruhezeit seine Spinnerstelle vertreten und ihn geweckt, wenn Aufsichtsdienst nahte. Unter diesen Umständen konnten wir in der Fabrikschule nicht viel lernen. Von Geschichte, Erdkunde und Naturkunde hörten wir wenig. Im Rechnen wurden uns das schriftliche Teilen und die Prozentrechnung nicht geläufig. Das schmerzte mich als Klassenersten sehr. Nach meiner Volksschulzeit habe ich das fehlende nachgeholt durch den Besuch der Sonntagsschule in Neukirchen. Eine liebe Erinnerung sind mir die Weihnachtsbescherungen, die Spinnereibesitzer Carl Friedrich Solbrig mit seiner Gattin uns Fabrikschulkindern im Fabrikschulzimmer alljährlich veranstaltete. Hochbeglückt trugen wir Kinder unsere Geschenke heim.”
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Nach Aufzeichnungen, welche sich in der Heimatsammlung Harthau befinden, soll das Gebäude zwischen 1851 und 1878 als Fabrikschule gedient haben. Danach wurde es als Wohnhaus genutzt. Im Haus war auch immer ein Gewerbe ansässig. Nach meiner Erinnerung war es zuletzt noch Mitte der 80er Jahre von einer alten Frau bewohnt. Seit dem steht es leer. Ca. 1988 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Anders wie das oben vorgestellte Spinnmeisterhaus wurde die Fabrikschule nach erstem Vandalismus in den frühen 90er Jahren gut gesichert und überstand die folgenden Jahre des Leerstandes in einem sanierungsfähigem Zustand. Zur Jahrtausendwende stellte der Eigentümer, ein Chemnitzer Wohnungsunternehmen Abbruchantrag für das Gebäude. Nach meinen Informationen kam es danach zu einem langjährigem Rechtsstreit zwischen diesem Wohnungsunternehmen und dem Landesdenkmalamt, welches das Gebäude erhalten wollte. Ein Gericht entschied, die Fabrikschule darf nicht abgerissen werden. 2007 wurde sie aufwendig gesichert. Das gerate noch rechtzeitig, die Rückseite des Gebäudes war teilweiße schon eingefallen. Leider wurden gerade jetzt, die sich in Eigentum dieses Wohnungsunternehmens befindlichen historischen Nachbarhäuser der Fabrikschule leer gezogen. Es kann also gut möglich sein, das die Fabrikschule zwar irgendwann saniert wird, dann aber alleine an der Straße steht.
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Bekannt geworden ist das Gebäude auch, weil hier angeblich der junge Karl May als Fabrikschullehrer tätig gewesen sein soll. Karl May war wohl aber nicht an der Solbrigschen Fabrikschule in Harthau tätig, sondern an der in Altchemnitz.


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Die Fotografie zeigt die rückwärtige Ansicht der Fabrikschule im Jahr 2000.
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Das Solbrigsche Unternehmen im Jahr 1867.
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Carl Friedrich Solbrig (1807-1872)
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Das Bernhardsche Herrenhaus in Chemnitz-Harthau, Wohnsitz der Familie Solbrig. Bei dessen letzter Sanierung wurde es falsch abgefärbt und es bekam Fenster mit der falschen Sprossenteilung eingesetzt. Weiter wurden die Dachgauben in völlig überdimensionierter Form wiederaufgebaut, so dass die heutige Optik des Gebäudes keinem historischen Zustand entspricht. Besonders entstellend sind aber die stählernen Balkone, die an den (zweigeschossigen!) Seitenflügeln des Herrenhauses angebracht wurden. So etwas kann auch nur in Chemnitz möglich sein.
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Wassermühle Altchemnitz /
Lindenhof Altchemnitz

Altchemnitz um 1820

Das Chemnitz der Biedermeierzeit war auch eine Stadt der Wassermühlen. Wo immer Chemnitz, Zschopau und Würschnitz einen Bogen in ihrem Verlauf machten, legten unsere Vorfahren einen Mühlgraben an und bauten eine Wassermühle. In ihrer Funktion waren Mühlen in Chemnitz hauptsächlich Mahlmühlen, Schneidemühlen und Walkmühlen. Die Mühlen waren immer als zwei-, selten dreigeschossige Fachwerkgebäude mit Sattel- oder Mansardendach aufgeführt. Die Ausnahme bildeten die großen Chemnitzer Mühlen, Nicolaimühle, Klostermühle, Neumühle und Schlossmühle, welche die Stadt über Jahrhunderte begleitet hatten. Diese waren wichtig für die Versorgung der Bevölkerung und wurden deshalb schon früh massiv aus Stein gebaut. Mit Beginn der Industrialisierung entstanden in Chemnitz eine Vielzahl von so genannten Spinnmühlen. Das waren Fabriken (Spinnereien, Webereien) deren Maschinen über ein Wasserrad mittels Wasserkraft angetrieben wurden. Die Menschen jener Zeit assoziierten diese Antriebstechnik mit jener der alten Mühlen und nannten die neuen Fabriken Spinnmühlen.
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Das es sich bei dem zusammengefallenem Fachwerkhaus an der Straßenbahnwendeschleife in Altchemnitz wirklich um eine ehemalige Wassermühle handelt, ist nicht ganz sicher. Von einem Wasserrad oder einem Mühlgraben ist heute nichts mehr zu sehen. Diese wurden allerdings bei vielen ehemaligen Wassermühlen spurlos beseitigt. Für eine Wassermühle spricht, dass auf einem Chemnitzer Bebauungsplan von 1861, am Standort dieses Hauses eine Mühle markiert ist. Die Art des Dachaufbaus und das Eingangsportal lassen auf ein Baujahr des Gebäudes um 1820 schließen. Viel lies sich über das Anwesen, das aus vier um einen Hof angeordneten Gebäuden besteht, nicht in Erfahrung bringen. Die Älteren erinnern sich noch, dass früher in dem Gebäude ein Fleischer ansässig war.
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Eine Fachwerkwassermühle, was wäre das für eine Touristenattraktion in Chemnitz gewesen. Überhaupt hat es Chemnitz nicht so mit seinen ehemaligen Mühlen. Die Mittelmühle Altchemnitz wurde vor drei Jahren nach jahrelangem Leerstand abgerissen, der Neumühle an der Georgbrücke in der Nähe des Brühls droht wohl das gleiche Schicksal.
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Die Hofeinfahrt.
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Blick in den Hof. Links das Eingangsportal des Mühlengebäudes.
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Ihr heutiges Aussehen mit Holzverkleidung, erhielten die Gebäude wohl erst um 1900.
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Die Mittelmühle, einst die bedeutendste Mahlmühle in Altchemnitz, Mitte des 19. Jahrhunderts dann zur Spinnerei umgebaut. Der Gebäudekomplex an der Paul-Gruner-Straße stand noch bis vor wenigen Jahren, wenn auch nicht mehr in seiner historischen Fachwerkoptik. Für eine neue Industriehalle wurde die Mühle abgerissen. Wenn man die heutige Ansicht einmal mit dieser um 1840 vergleicht, staunt man wie sehr sich ein Ort doch zum negativen verändern kann.
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Die Hauboldstraße -
Chemnitz’ letzter Biedermeierstraßenzug

Chemnitz 1840er Jahre

Vor etwas mehr als zehn Jahren konnte man in den ersten nach der Wende über Chemnitz erschienenen Büchern nachlesen, wie bedauerlich doch der Verlust der nach dem Krieg in der Innenstadt noch erhaltenen historischen Bausubstanz wäre und was man nicht hätte alles anders machen können, die DDR es aber nicht zugelassen hat. Gemeint waren insbesondere die noch fragmentarisch erhaltenen Biedermeierstraßenzüge der ehemaligen Angervorstadt, heute der Bereich zwischen Karl-Marx-Forum und Theaterplatz. Gartenstraße, Café Michaelis oder Hotel “Deutsche Eiche” werden den Älteren noch ein Begriff sein.
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Mit der in der Nähe des Schlossteichs gelegenen Hauboldstraße hatte sich bis in unsere Tage in Chemnitz der einzige Straßenzug mit Gebäuden der Vorgründerzeit erhalten. Die Straße entstand in den 1840er Jahren, wahrscheinlich als Wohnquartier für die Arbeiter der sich in der Nähe befindenden “Sächsischen Maschinenbau-Compagnie” (heute Kulturfabrik Schönherr) Doch die Häuser, die grau und kaputt aus den Jahren der DDR kamen, wurden in Chemnitz nicht als wertvoll erkannt. Schon Mitte der 90er Jahre wurden die ersten  Häuser abgerissen.  Inzwischen ist die Straße eine einzige Baulücke. Wenige Häuser sind saniert. Die zwei vorderen Gebäude auf der oberen Fotografie sind an der Rückseite schon eingefallen. Eine Sanierung ist hier nicht mehr zu erwarten.
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Die Gebäude waren im Original mit hellen freundlichen Farben abgefärbt, mit roten Dachziegeln eingedeckt und die Fenster im Erdgeschoss waren mit Fensterläden ausgestattet. Das an historischer Bausubstanz aus dieser Zeit arme Chemnitz hat sich hier um eine echte Chance gebracht. In Sichtweite zu den Fachwerkhäusern am Schlossberg und ganz in der Nähe der Kulturfabrik Schönherr hätte mit einer sanierten Hauboldstraße und den beiden Gebäuden der Kattudruckmanufaktur Schüffner, eine echte Touristenattraktion und ein Andenken an das Biedermeierchemnitz geschaffen werden können. Noch jede Kleinstadt in Ostdeutschland hat es nach der Wende hinbekommen derart  Häuser zu sanieren.
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Chemnitz’
letztes Biedermeierbürgerhaus

Chemnitz 1837

Wer sich mit der Vergangenheit beschäftigt, wird feststellen, dass sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Ästhetik in Architektur, Musik, Malerei, Mode etc. grundlegend verändert. Kam bis dahin alles vom menschlichen Maß, hat die fortschreitende Industrialisierung Einfluss auf die Wahrnehmung der Menschen genommen und deren Empfinden verändert. Alles wird nun nüchterner, technischer. In der Architektur wird das an vielen Details sichtbar. Hatten Gebäude bis Mitte des 19. Jahrhunderts in unserer Region mit ocker abgefärbten Fassaden und roten Dächern immer ein sehr anheimelndes Antlitz, werden diese nun mit kühl wirkenden Beige- oder Weißtönen abgefärbt und mit schwarzem Naturschiefer eingedeckt. Die Fassaden selbst sind jetzt mit Stuckelementen sehr detailreich gestaltet. Zwar gab es das auch schon in vorangegangenen Architekturepochen doch nun wirkt es wie “am Reißbrett” entworfen, sehr technisch und weniger individuell. An den beiden Gebäuden der ehemaligen Kattundruckmanufaktur Schüffner wird diese Veränderung sehr gut sichtbar.
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Noch ganz im altem Stil. Das Biedermeierbürgerhaus an der Chemnitz von 1837. Aus derart Häusern, in Reihe gebaut oder wie bei diesem freistehend, bestand bis Mitte des 19. Jahrhunderts einmal ganz Chemnitz. Das Gebäude entstand in einer der wichtigsten Phasen der Chemnitzer Geschichte, dem frühen 19. Jahrhundert. Wie Chemnitz und Deutschland damals waren und warum es so wichtig wäre die letzten Botschafter dieser Zeit in Chemnitz zu erhalten, wird wohl nur jemand verstehen, der sich mit diesen Jahren beschäftigt. Nicht zuletzt wäre dieses Haus in saniertem Zustand auch ein einmaliger Anblick in Chemnitz und ein wirklicher Gewinn für das Stadtbild. Nach Auskunft des Liegenschaftsamtes gehört das Gebäude einem Münchner Unternehmen. Dort erfuhr ich das für das Haus jetzt der Eigentümer des benachbarten Manufakturgebäudes verantwortlich ist. Der Chemnitzer Bauträger, welcher auch ein historisches Gasthaus im Zeisigwald saniert, wollte mir über die Eigentumsverhältnisse des Bürgerhauses keine rechte Auskunft geben. Ein Foto vom Eingangsbereich des Gebäudes darf ich hier nicht zeigen. Zur Zukunft des Gebäudes hieß es, dass man über den historischen Wert des Gebäudes vom Denkmalamt nicht informiert wurde und eine Sanierung nur möglich sei, wenn sich ein Nutzungsinteressent für das Haus findet. Das Bürgerhaus ist bereits vor Jahren zum Abbruch vorbereitet wurden und ist heute ohne Fenster und Türen einem schnellen Verfall preisgegeben.
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Eine Projektgrafik des  Investors zeichnet das zukünftige Bild des Denkmalensembles Kattundruckmanufaktur Schüffner. Das Bürgerhaus ist verschwunden. An dessen Stelle befindet sich ein Parkplatz. Die Hofseite des Manufakturgebäudes ist über alle Geschosse mit einem riesigen Balkonvorbau verziert.
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Chemnitz zur Entstehungszeit des Biedermeierbürgerhauses.
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Biedermeierwohnhäuser in Schönau
Schönau 1820er/30er Jahre

Die drei hier vorgestellten Wohnhäuser sind typische Beispiele für Wohnhausbauten, wie sie in den Dörfern der Chemnitzer Region in den wirtschaftlich starken Jahren zwischen 1820 und 1850 in großer Anzahl entstanden. Noch heute finden sich an den ehemaligen Dorfstraßen z.B. Einsiedels, Harthaus, Markersdorfs oder eben Schönaus sowie an den großen Ausfallstraßen Chemnitz’ nicht wenige dieser Gebäude. Diese Häuser hatten keinen Architekten, wurden vom Zimmermann und Maurermeister des Ortes mit den Materialen der Region und einem sicheren Blick für Proportion als Fachwerkbau oder seltener als Massivbau aufgeführt. Die meist Ockergelb abgefärbten und mit roten Dachziegeln eingedeckten Häuser waren zu ihrer Zeit sehr schön anzuschauen. Vom Tagelöhner bis zum Fabrikherrn bewohnten alle Bevölkerungsschichten diesen Typ Haus in dem meist auch noch ein Gewerbe untergebracht war. Im laufe des 19. Jahrhunderts änderte sich das Image dieser Häuser. Mit zunehmender Bevölkerungszahl und wirtschaftlichem Wohlstand wurde größer und aufwendiger gebaut. Die kleinen, einfachen Biedermeierhäuser machten neben den neuen Gebäuden für den Geschmack des späten 19. Jahrhunderts nicht viel her. Hinzu kam noch das derart Häuser seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit schwarzem Schiefer neu eingedeckt und bei Fachwerkhäusern auch die Giebelseiten mit Schiefer verkleidet wurden. Die vormals so farbenfrohen Häuser sahen nun recht duster aus. Zu DDR Zeiten dann, wurde die Architektur dieser Häuser regelrecht verkorkst. Fast immer hat man den Haupteingang von der Trauf- an die Rückseite des Gebäudes verlegt, den alten Einang zugemauert und das Porphyrportal abgehackt. Fensterläden wurden entfernt, Sprossenfenster durch Einglasscheiben ersetzt, damit die Hausfrau nicht so viel Arbeit beim Fensterputzen hat. Selbstverständlich musste auch das Fachwerk entfernt und durch eine weiß abgefärbte Kratzputzfassade ersetzt werden. Ein Garagenanbau und ein bunter Jägerzaun der das ganze einrahmte taten noch ihr übriges und heraus kam der hässlichste Anblick den einem ein Haus bieten kann.
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Selten das man an einem leerstehendem Baudenkmal in Chemnitz ein “zu Verkaufen” Schild findet.
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Ein Fachwerkhaus um 1820. Vielleicht findet es einen neuen Eigentümer, der es in den Originalzustand mit offenem Fachwerk und roter Dacheindeckung zurückversetzt.
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Ehemalige Dorf- und Landstraßen an denen diese Häuser gebaut wurden, sind in unserer Zeit oft zu lauten Hauptverkehrsstraßen geworden an denen keiner mehr wohnen möchte.
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Man vergleiche derart Hauseingänge mit Hauseingängen heutiger Eigenheime.
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Originale Armaturen an Biedermeierhaustüren sind inzwischen sehr selten geworden.
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Die Neumühle
Chemnitz 1830er Jahre

"Die Neumühle an der Chemnitz unterhalb der Stadt, wo die Kappel in die Chemnitz fließt, ohnweit des Rochlitzer Schlags steht in ihrer jetzigen hübschen Gestalt auch erst seit einigen Jahren. In diesem Augenblicke (September 1841) wird ein ganz neues Wehr gebaut, da der vorjährige sehr bedeutende Eisgang das alte sehr verfallene Wehr weggerissen hatte. Die Mühle hat 4 Gänge und zugleich eine Schneidemühle, die nächste an der Stadt. Die Mühle wird mit unterschlächtigen Rädern getrieben, der Mühlgraben ist sehr kurz; sie hat daher nicht die Wasserkraft der Klostermühle, noch viel weniger die der Nicolaimühle. In der Neumühle befindet sich auch ein Wellen- und Sturzbad im Abflußgerinne, welches mit dem der Klostermühle im Sommer fleißig besucht wird, so wie auch eine Baumwollspinnerei."
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... so beschrieb Friedrich Georg Wieck die Chemnitzer Neumühle in der im Jahr 1840/41 erschienenen Heftreihe Sachsen in Bildern - Chemnitz und seine Umgebung. Heute ist der große, schmucklose Gebäudekomplex in der Nähe der Georgbrücke bei den Chemnitzern mehr oder weniger unbekannt. Die Neumühle war neben der Nikolaimühle und der Klostermühle eine der drei großen Chemnitzer Wassermühlen, welche direkt an der Stadt lagen und ursprünglich Chemnitz selbst gehörten. Daneben gab es noch die Schloßmühle am unteren Schloßberg und seit Mitte des 18. Jahrhunderts eine immer größer werdende Zahl von Mahlmühlen in den Dörfern um Chemnitz. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden viele dieser Mühlen zu Spinnereien umgebaut. So auch die Neumühle von deren damaligem Eigentümer Leberecht Gelbrich. Die Neumühle hat in ihrer über fünfhundertjährigen Geschichte viele Eigentümer gesehen. Unter anderem im Jahr 1647 den berühmten Komponisten Heinrich Schütz, als der Rat der Stadt in einer Erbschaftssache Schütz gegenüber finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen konnte und die Mühle an ihn verpfänden musste. Durch Umbauten und Erweiterungen hat sich das Aussehen der Neumühle im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Das auf der Lithografie oben abgebildete schöne klassizistische Gebäude entstand vermutlich in den 1830er Jahren. Ob es in veränderter Form noch steht kann ich mit letzter Sicherheit nicht sagen.
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Dass es sich, wie oft angenommen, bei diesem Gebäude um die umgebaute Neumühle die auf der Lithografie oben zu sehen ist handelt, glaube ich nicht. Ich halte dieses Gebäude für einen Neubau um 1910. Die Längsseite des Gebäudes entspricht auch nicht dem ehemaligen Verlauf des Mühlgrabens wie er auf der Lithografie zu sehen ist. Die kleine Brücke markiert nach meiner Auffassung den heutigen Verlauf der Georgstraße.
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Die Eingangstür dieses Gebäudes. Derart Türen waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Chemnitz überhaupt nicht üblich.
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Ist das die Neumühle? Die Größe und die Proportionen des Gebäudes passen in die Zeit um 1830. Auch der ehemalige Verlauf des Mühlgrabens führte in Richtung der Längsseite des Gebäudes. Leider stimmt die Anzahl der Fenster nicht mit der des auf der Lithografie dargestellten Gebäudes überein. Auch sind die Fensterrahmen hier nicht profiliert und das Gebäude hat ein Satteldach, wo hingegen auf der Lithografie ein Walmdach zu sehen ist.
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Das Eingangsportal dieses Gebäudes, sollte es Original sein, entspri.cht Eingangsportalen wie sie für Chemnitzer Häuser aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts üblich waren.
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Welches Gebäude war zuerst da? Das Kleine oder das Große? Zu einer Erforschung der Neumühle wird es wohl nicht mehr kommen. Nach dem der Gebäudekomplex über Jahre erfolglos zum Kauf angeboten wurde und jetzt auch noch zum Schutz vor herabfallenden Putzteilen ein Bauzaun am Gebäude aufgestellt werden musste, ist auch hier ein baldiger Abriss zu erwarten.
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Das Neumühlenwehr an der Georgbrücke. Bis zum Hochwasser 2002 sahen die Planungen für die neue Chemnitzer Innenstadt vor, dessen Staufunktion zu reaktivieren um im Innenstadtbereich einen höheren, attraktiveren Wasserstand der Chemnitz zu erreichen.
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Spinnerei G. F. Oelhey

Altendorf 1822/23

Auch bei dem dunklem Gebäude an der Limbacher Straße muss man sich die biedermeierliche Farbkompination gelbe Fassade, rotes Dach vorstellen, um zu verstehen welch ein Gewinn dieses Haus in saniertem Zustand für das Chemnitzer Stadtbild wäre. Bei der ehemaligen Spinnerei Oelhey handelt es sich um die zweite Generation sächsischer Fabrikarchitektur. Anders als wie bei den ersten um 1800/1810 im Stil des so genanntem “Palasttyps" (siehe Menüpunkt Spinnmühle Meinert) entstandenen Fabrikbauten, setzte sich ab etwa 1820 Funktionalität in der Fabrikarchitektur durch. Neben der Spinnerei Hößler in Altenhain ist die Spinnerei Oelhey heute die einzigste Fabrik dieser Art, die sich in Chemnitz erhalten hat. Auch im deutschlandweitem Vergleich sind so frühe Fabrikbauten sehr selten zu finden.
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Das Gebäude wurde nach einem Brand in ursprünglicher Form wieder aufgebaut. Zuletzt diente es als Wohnhaus. G. F. Oelhey  baute ab 1834 den bekannten historischen Fabrikkomplex “Himmelmühle” in Wiesenbad.
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Die Spinnerei Oelhey ist eines der ganz wenigen, heute noch erhaltenen Gebäude, welches in Friedrich Georg Wiecks 1841/42 veröffentlichten “Sachsen in Bildern” zu finden ist.
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Kammwollspinnerei in Altendorf bei Chemnitz.

"An dem kleinen Flüßchen die Pleiße, welche in dem Dorfe gleichen Namens einige Stunden von Chemnitz entspringt, liegt diese Spinnerei, welche früher von den Fabrikanten Oelhey zum Behufe der Baumwollspinnerei gebaut, dann abbrannte und später in ihrer jetzigen Gestalt, wie wir sie auf dem Bilde sehen, wieder aufgebaut wurde, und nun von zwei Besitzern für Baumwoll- und Kammwollspinnerei benutzt wird. Das Pleißethal ist ein gemütlich stiller Grund, für gesellschaftliche Landparthien wie geeignet, zu welchem Zweck es auch häufig besucht wird. Das vor dem größeren Gebäude befindliche kleinere ist die Wachstuchfabrik von Schäfer. Die beiden Leute beschäftigen sich mit dem Aufspannen."
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Handspinnfabrik C. F. Kröhne
Schönau 1812

Das Jahr 1812 kann, was Chemnitz und die Region angeht, als Spinnmühlenjahr bezeichnet werden. Befördert durch Napoleons Kontinentalsperre gegen Warenlieferungen aus England und das Auslaufen des kurfürstlichen Privilegium exclusivums, ein Privileg für Sachsens erste Baumwollmaschinenspinnerei, der Spinnerei Bernhard, auf 10 Jahre in Sachsen alleine Mule-Twist (feines Garn, z.B. für Kleidung) produzieren zu dürfen, entstanden um 1810 in Chemnitz und der Region eine Vielzahl neuer Spinnfabriken. Viele dieser Spinnereien der ersten Generation wurden im Jahr 1812 gegründet oder gebaut. Die Spinnfabrik von Christian Friedrich Leopold Kröhne in Schönau, weißt im Vergleich zu den anderen damals entstandenen Spinnfabriken zwei Unterschiede auf. Die Maschinen der Fabrik wurden von Hand und nicht mittels Wasserkraft angetrieben und das Fabrikgebäude ist eines der wenigen dieser Zeit, dessen Entwurf nicht aus der Hand des “Spinnmühlenbauers”  Johann Traugott Lohse stammt.
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In Kröhnes Fabrik, in der rohe und gebleichte Garne produziert wurden, fanden 60 Männer, Frauen und Kinder Arbeit. Die Jahre der großen Krise in der sächsischen Textilindustrie, nach Aufhebung der Kontinentalsperre, überlebte die Fabrik nicht. Nachdem die sächsische Regierung Kröhne bereits 1822 ein Darlehen abgelehnt hatte, musste im März 1825 das Konkursverfahren eröffnet werden. Danach richtet der Strumpfwirkermeister Johann Samuel Gläser seine 1813 gegründete Strumpffabrikation im Gebäude ein. Hinter dem alten Fabrikgebäude entsteht bis in das 20. Jh. hinein ein großer Fabrikkomplex. Das Unternehmen Gläser, welches einen guten Ruf besaß, bestand bis zur Enteignung am 1. April 1953. Das danach volkseigene Unternehmen produzierte aber nur noch wenige Jahre. Bis 1990 war im Gebäudekomplex ein Bereich des Zentrums für Forschung und Technik des VEB Robotron untergebracht.
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Heute wirkt das nun auch immer mehr verfallende Gebäude an der Zwickauer Straße in Chemnitz eher unscheinbar. Man muss es sich in dessen Originalzustand vorstellen. Auf dem mit Naturschiefer eingedecktem Dach befand sich mittig ein von einer Wetterfahne gekrönter Dachreiter, welcher links und rechts von zwei Schornsteinen flankiert wurde. Die Fassade war in einem Ockerton oder was wahrscheinlicher ist, in einem gebrochenen Weiß abgefärbt. Im Erdgeschoss war zur Straße, mittig der mit einem klassizistischen Vorbau versehene Haupteingang angeordnet. Die Erdgeschossfenster waren mit Fensterläden ausgestattet. Vielleicht war die Fassade auch mit einer Blocksteinimitation im Erdgeschoss oder über die ganze Fassade gestaltet. Alles in allem eine wunderbar schlichte und von der perfekten Proportion lebende Architektur. Christian Friedrich Leopold Kröhne gehörte zu den Bildungsbürgern im Chemnitz des frühen 19. Jahrhunderts. Nicht nur dass er auf eine qualitätvolle Architektur seiner Fabrik achtete, bis zu deren Zwangsversteigerung im Zuge des Konkurses seiner Fabrik besaß er auch eine kostbare Bibliothek von theologischer, medizinischer und humanistischer Fachliteratur.
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Das feine klassizistische Gebäude auf einer Fotografie um 1935.
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Kattundruckmanufaktur
Schönau 1828

Bei dem zweigeschossigem Fachwerkhaus an der Zwickauer Straße soll es sich um eine ehemalige Kattundruckmanufaktur handeln. Der Kattundruck, das Herstellen von bedrucktem Baumwollgewebe, bereitete Chemnitz den Weg in das Industriezeitalter. Chemnitz und dessen Umland entwickelten sich seit dem letztem Drittel des 18. Jahrhunderts zum Zentrum des Kattundrucks in Sachsen.
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Das Gebäude entstand 1828 im damals noch eigenständigen Ort Schönau. Es zeichnet sich, wie typisch für Gebäude der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, durch Schlichtheit und ausgewogene Proportionen aus. Besonders schön ist das flache Krüppelwalmdach mit aufgesetztem Dachhecht. Es war im Original wahrscheinlich mit roten Dachziegeln eingedeckt. Das Haus besaß noch bis vor wenigen Jahren eine sehr schöne Flügelhaustür. Diese und die Fensterläden der Erdgeschossfenster wurden vermutlich gesichert.
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Nach ca. 15 jährigem Leerstand befindet sich das Gebäude in einem schlechten Bauzustand. Die Rückseite des Hauses ist bereits teilweise eingefallen. Das Gebäude steht neben der oben vorgestellten Handspinnfabrik C. F. Kröhne. Warum Chemnitz dieses wertvolle Ensemble früher Industriegeschichte verspielt ist nicht nachvollziehbar. Auch nicht, warum ob des schlechten Zustandes keine Sicherung des Hauses von der Chemnitzer Denkmalbehörde angeordnet wird. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür sind vorhanden. Das Gebäude ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Baudenkmal, dessen Sanierung und wirtschaftliche Verwertung etwas mehr Engagement erfordern würde, über Jahre dem Verfall preisgegeben wird und der Eigentümer dann trotz des Denkmalstatus eine Abbruchgenehmigung erhält weil eine Sanierung unter der Überschrift der Wirtschaftlichkeit nun nicht mehr zumutbar wäre.
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Eigentümer des Gebäudes ist ein Chemnitzer Wohnungsunternehmen.
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