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CHEMNITZ IM 20. JAHRHUNDERT
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Das 20. Jahrhundert begann für Chemnitz als Stadt mit dem höchsten pro Kopf Steueraufkommen im Land, brachte die fast völlige Zerstörung zur Jahrhundertmitte, ging mit einem neuen Namen und Gesicht in die zweite Hälfte des Jahrhunderts und endete mit einem Neuanfang unter alter Überschrift. Das 20. Jahrhundert hat es Chemnitz nicht leicht gemacht. Ein “Vorrankommen” der Stadt, so wie im 19. Jahrhundert, konnte es im 20. Jahrhundert ob der weltgeschichtlichen Einflüsse nicht geben. Städtebaulich hat sich Chemnitz in diesem Jahrhundert in zwei sehr verschiedenen Ansichten gezeigt. Bis zur Zerstörung 1945 mit einer dicht überbauten Gründerzeitcity und während der DDR Jahre mit einer kaum bebauten sozialistischen Innenstadt. Auch der Architekturgeschmack hat sich im Laufe des Jahrhunderts sehr verändert. Anfang des Jahrhunderts baute man gestalterisch sehr aufwendig und mit teuren Materialen. Neben Wohnhäusern entstanden neue Verwaltungs- und Kulturbauten. Das neue Rathaus, Oper und Kunstsammlungen sind Kinder dieser Zeit. Seit den 20er Jahren spielte in der Architektur dann mehr die Funktion eine Rolle. Klare Fassaden ohne Stuck waren nun modern. Nach dem zweiten Weltkrieg blieb, ob der neuen politischen Verhältnisse, nur die Stadt selbst als Bauherr für die Innenstadt. Erste neue Gebäude entstanden noch in der Tradition eines regionalen Barock und Klassizismus. Die Entscheidung was und in welchem Stil gebaut wurde lag aber nicht mehr bei der Stadt allein. Karl-Marx-Stadt musste die nach dem Krieg entstandenen Planungen für die Innenstadt, welche eine vereinfachte Rekonstruktion des alten Stadtgrundrisses vorsahen, aufgeben und nach dem sowjetischem Leitbild einer sozialistischen Großstadt planen. Die in der Folge entstandene Innenstadt, bestand aus nur wenigen Großbauten an überbreiten Straßen.

Die heute noch auf eine Sanierung wartenden Baudenkmäler aus dem letzten Jahrhundert sind zumeist Verwaltungsgebäude, Villen und Kulturbauten um deren Verlust es in jedem einzelnem Fall Schade wäre.
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Verwaltungsgebäude
Sächsische Kammgarnspinnerei AG
Harthau 1916

Über drei Jahrzehnte wirkte der Architekt Erich Basarke in Chemnitz. Aus seiner Hand stammen die Entwürfe für so bekannte Chemnitzer Bauten wie der Deutschen Bank am Falkeplatz, der Handelskammer an der Carolastraße, dem Büromaschinenbau der Wanderer Werke in Schönau, der Kauffahrtei oder dem Uhrenturm der Schubert & Salzer AG, heute Gewerbepark Wirkbau an der Annaberger Straße. Letzterer längst zu einem Wahrzeichen der Stadt Chemnitz geworden. Ein weniger bekanntes Gebäude Basarkes ist das ehemalige Verwaltungsgebäude der Sächsischen Kammgarnspinnerei AG in Chemnitz-Harthau.
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Der Industriestandort an der Klaffenbacher Straße in Harthau hat eine lange und bedeutende Geschichte. Sachsens erste fabrikmäßige Baumwollmaschinespinnerei, die Spinnerei Bernhard wurde hier 1799 begründet. Die Spinnerei, welche in ihrer Geschichte viele Eigentümer gesehen hat, firmierte seit 1871 als Sächsische Kammgarnspinnerei AG. Das Verwaltungsgebäude ist nach dem Abbruch der Fabrikgebäude des Werkes, Mitte der 1990er Jahre, heute einzigstes bauliches Zeugnis aus der Zeit dieses Unternehmens.
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Das im neoklassizistischen Stil erbaute Gebäude entstand 1916 am Standort des zweiten Fabrikgebäudes der ehemaligen Spinnerei Bernhard (Gebäude mit dem Dachreiter) aus dem Jahr 1804.
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So wie auf dieser historischen Fotografie aus den 1930er Jahren, sah das Werk noch in großen Teilen bis zu dessen Abbruch, Mitte der 1990er Jahre, aus. Links sind das noch heute erhaltene Herrenhaus und das Gründungsgebäude der berühmten Spinnerei Bernhard, Sachsens erster Fabrik zu sehen. In diesen ist seit kurzem ein Altenpflegeheim untergebracht. Auf dem heute freien Areal in der Bildmitte soll in Zukunft leider eine Eigenheimsiedlung entstehen.
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Das Gebäude hat wohl eine Zukunft. Nach meinen Informationen wurde es an zwei westdeutsche Investoren verkauft, die derzeit einen Subinvestor suchen sollen, welcher das Gebäude saniert. Vielleicht gelingt es hier, anders wie bei den beiden benachbarten Gebäuden der ehemaligen Spinnerei Bernhard, wieder halbwegs den historisch, authentischen Zustand herzustellen. Heute ist die Architektur des Gebäudes reduziert. Es fehlt über dem Giebeldreieck der schöne Dachreiter mit Fabrikuhr, die Dacheindeckung mit Schiefer, die halbrunden Dachgauben und eine beige Abfärbung der Fassade.  Erhalten haben sich die originalen Fenster und Außentüren.
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Villa Pfauter
Altchemnitz 1914

Das von einer mächtigen Schiefersteinmauer umgebene Villenanwesen in Altchemnitz ist wohl das Traumhaus vieler Chemnitzer. Oft bin ich schon gefragt worden, was es damit auf sich hat. Bekannt ist die Villa vielen noch in ihrer letzten Nutzung als Jugendwohnheim.
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Die Villa ist mit einem der bekanntesten Namen der Chemnitzer Industrie verbunden. Den ehemaligen Modulwerken in Altchemnitz. Hermann Pfauther, der 1897 das Patent auf ein von ihm entwickeltes, verbessertes Verfahren zum Zahnradfräsen erhielt, war Gründer des Unternehmens Werkzeug- und Werkzeugmaschinenfabrik Hermann Pfauter, ab 1951 VEB Zahnschneidemaschinenfabrik Modul. Mit dem Bau der Villa wollte sich Hermann Pfauther nach langem Kampf um den Aufbau seines Unternehmens sicher einen Lebenstraum erfüllen, starb aber schon mit deren Fertigstellung 1914 und konnte sein schönes Haus nicht mehr bewohnen. Nach Hermann Pfauters Tod lebten seine Witwe Klara und sein Sohn Wilhelm, sowie dessen Familie in der Villa. 1945 wurde das Anwesen enteignet und die sowjetische Besatzungsmacht zog mit etwa 30 Personen in die Villa ein. Danach wurde es viele Jahre als Jugendwohnheim genutzt. Bis Ende 2001 beherbergte das Haus den Jugendberufshilfeverein Chemnitz. Seit dem steht die Villa leer. Das Remisengebäude von der Größe eines Eigenheims wurde noch Ende der 90er Jahre saniert.  Die Villa selbst hat wohl seit ihrer Erbauung keine grundlegende Sanierung erlebt und leidet nun inzwischen sichtbar unter dem langem Leerstand. Das Anwesen wird von der Stadt Chemnitz in drei Teilen zum Kauf angeboten. Die Villa, die Remise und das ca. 5000 m² große Parkgrundstück stehen einzeln zum Verkauf. Das Parkgrundstück ist laut Exposé sogar für die Bebauung mit Eigenheimen vorgesehen. Ich hoffe dass das Anwesen niemals auseinander gerissen wird und schon gar nicht das im Park Eigenheime gebaut werden. Es wäre eine Kulturschande. Erschwerend macht den Verkauf der Villa sicher der teure Sanierungsaufwand für das Gebäude und den Park, der hohe Kaufpreis für das Anwesen, welcher aber gerechtfertigt ist und nicht zuletzt die laute Lage der Villa direkt an der verkehrsreichen Annaberger Straße.
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Das Pfauter-Werk an der Einsiedler Straße in Altchemnitz, um 1935.
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Das Anwesen ist doch ein faszinierendes Beispiel für das Können von Architekten in früheren Zeiten. Die Architektur der Villa ist perfekt an das abfällige Gelände des Baugrundes angepasst und zudem effektvoll auf dem höchsten Punkt des länglichen, dreieckigen Grundstücks positioniert. Die Villa war früher rosa abgefärbt und hatte eine rotbraune Bieberschwanzdacheindeckung. Dazu stand im Kontrast die aus Schieferstein aufgeführte Mauer mit dunkelgrünen, eisernen Zauneinlagen. Besonders reizvoll ist das große Tor an der Rückseite des Grundstücks. Dessen Pfosten wurden einst von zwei Laternen gekrönt.
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Vom Tor aus führt der Weg über einer von alten Baumbestand flankierten Einfahrt zur Remise. 1914 wird diese wohl schon eher für das Automobil, denn für die Pferdekutsche ausgelegt worden sein. Bei der letzten Sanierung der Remise, Ende der 90er Jahre, wurden deren Holztore leider durch einen Glasvorbau ersetzt. Da Villa und Remise auf einem abgeschlossenem Grundstück liegen, kann ich hier leider keine richtigen Ansichten der beiden Gebäude zeigen.
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Paradox, in vielen neuen gesichtslosen Eigenheimsiedlungen Chemnitz haben die Verantwortlichen bei der Stadt in aufwendige Straßen- und Gehwegbeläge investiert und geschmackvolle Straßenlaternen installieren lassen. Hier, neben dieser wunderbaren Villa, am Eingang zum historischen Pfarrhübelviertel, hat es nur für einen Asphaltbelag und die einfachsten Straßenlampen gereicht.
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Villa Isenburg
Chemnitz 1920er Jahre

Das villenähnliche Gebäude des Zeitungsverlegers H. Isenburg befindet sich unweit der Chemnitzer Innenstadt auf dem Kapellenberg, inmitten eines parkähnlichen Grundstücks mit altem Baumbestand. Es gehört zu den schönsten Chemnitzer Villenanwesen und es verwundert, dass es seit Jahren leer steht und keinen Investor findet. Auf den Nachbargrundstücken sieht es dagegen ganz anders aus. Investoren erkannten den Reiz der Lage. Um die Perle Villenanwesen entstanden in den letzten Jahren eine Menge neuer Eigenheime. Alle mit Terrassenblick auf Villa und Park. Wer auch immer die Villa Isenburg in Zukunft einmal bewohnt, wird unter ständiger Beobachtung stehen.
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Das Gebäude entstand in den 20er Jahren im Stil der neuen Sachlichkeit. Weit weniger wie andere zu der Zeit entstandene Chemnitzer Villen weist es noch Einflüsse des Historismus auf. Die Architekten des Gebäudes waren Max Dutschke und Professor Hermann Heuss, der Bruder des ersten Deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss. Prof. Heuss unterrichtete von 1919-1949 an der Gewerbeakademie Chemnitz. Er veröffentlichte mehrere Bücher und Abhandlungen über Architektur sowie Bau- und Kunstgeschichte. Mit der Wahl seines Bruders zum Bundespräsidenten 1949 verließ Hermann Heuss Chemnitz und baute sich in Stuttgart mit einem Architekturbüro eine neue Existenz auf. 1959 verstarb er an den Folgen eines Autounfalls.
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Prof. Hermann Heuss
1882-1959
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Kulturpalast der Bergarbeiter
Chemnitz-Rabenstein 1949/50

Führt man sich den Zustand deutscher, kriegszerstörter Städte um 1950 vor Augen, muss man staunen über die Gebäude, welche zu dieser Zeit im Auftrag der SAG Wismut in Siegmar und in Rabenstein entstanden. Besonders der Kulturpalast der Bergarbeiter mit seiner repräsentativen klassizistischen Architektur würde in jeder großstädtischen Innenstadt auch als Opernhaus eine gute Figur machen.
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So imposant das Gebäude auch ist, es lässt sich doch wenig darüber in Erfahrung bringen. Das Wismutarchiv besitzt noch nicht einmal historisches Bildmaterial vom Kulturpalast. Befragt man Ältere zu dem Gebäude, geraden diese augenblicklich ins Schwärmen, erzählen vom schönen Saal und was alles an Stars früher im Kulturpalast auftrat. Heute steht der Kulturpalast verlassen am Stadtrand. Die Eingänge sind vermauert, auf den Stufen vor der Säulenfassade wachsen kleine Bäume und man kann sich schon gar nicht mehr vorstellen das es einmal wieder anders wird, schon gar nicht das der Kulturpalast wieder in seiner ursprünglichen Nutzung als Kulturzentrum ersteht. Um so erstaunter war ich doch, als ich Ende 2007 in einer großen Chemnitzer Tageszeitung von den Ambitionen eines Chemnitzer Unternehmens las, im Kulturpalast die neue Firmenzentrale und ein Kongresszentrum einzurichten, die Stadt jedoch durch Hinhalten das Unternehmen nicht nur zur Aufgabe des Projektes Kulturpalast veranlasst hat, dieses Unternehmen jetzt auch noch ob dieser Erfahrung plant, den Firmensitz von Chemnitz in eine andere Stadt zu verlegen. Ohne Kommentar.
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Mit einem Augenzwinkern könnte man sagen, der Kulturpalast ist ein Kind der Atombombe. Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges und dem Start des atomaren Wettrüstens zwischen USA und UdSSR, geriet das an Uranvorkommen reiche, im Sowjetsektor liegende Erzgebirge, in den Blickpunkt der UdSSR. Mit der SAG Wismut (Sowjetische Aktiengesellschaft Wismut) firmierte 1947 in Moskau das Unternehmen, das diese Uranvorkommen die kommenden Jahrzehnte erschloss und abbaute. Die Arbeit der Bergarbeiter (in der Anfangszeit oft zwangsverpflichtet) war hart und gefährlich. Diese genossen deswegen Privilegien, wie einen überdurchschnittlichen Lohn und bevorzugte Versorgung mit Lebensmitteln. Auch die kulturelle Versorgung“ der Wismutarbeier und ihrer Familien hatte Priorität. So entstand ab 1949 am neuen Sitz der Wismut in Chemnitz-Siegmar-Rabenstein, in Nachbarschaft zur ehemaligen Rabensteiner Ausflugsgaststätte Pelzmühle“, in der seit 1948 das Offizierskorps der sowjetischen Besatzung untergebracht war, mit dem Kulturpalast und einem Hallenbad, das neue Kultur- und Freizeitzentrum der Wismut.
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Nach meinen Informationen wurde der Kulturpalast nach einem sowjetischen Entwurf von 1939 gebaut. Es ist der erste einer ganzen Reihe noch entstehen sollender Kulturhäuser in der DDR. Im Vergleich zu anderen Kulturhausneubauten,  der 1950er Jahre, wie z.B. dem Kulturpalast Bitterfeld, ist er auch der architektonisch aufwendigste. Finanziert wurde der Bau des Kulturpalastes durch Sonderschichten in den Schächten. Eigenleistung der Bergleute am Bau half Kosten sparen. Das Gebäude fasste einen Theatersaal mit 950 Plätzen für Varieteaufführungen, Konzerte und politische Veranstaltungen, einen kleinen Saal (den Rosettensaal) für Tanzveranstaltungen, ein Café, ein Restaurant, eine Bar, eine Bibliothek, ein Billard- und ein Kinderspielzimmer.
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Am 19.04.1950 wurde der Kulturpalast eröffnet und am 14.01.1951 durch den damaligen DDR Ministerpräsidenten Otto Grotewohl feierlich eingeweiht. (Bild, der Kulturpalast um 1960) Der Kulturpalast entwickelte sich zu einem kulturellen Mittelpunkt, der damals noch von den Zerstörungen des 2. Weltkrieges gezeichneten Stadt Chemnitz. Viele namhafte Künstler der Zeit, wie z.B. Eberhard Chors traten im Kulturpalast auf. Weil sich die Wismut den Kultursektor nicht mehr leisten wollte, wurde der Kulturpalast schon 1967 geschlossen und kam unter die Hoheit der Stadt Karl-Marx-Stadt. Diese hatte Ambitionen auf den Bau einer Stadthalle im Stadtzentrum. Für ein zweites Kulturzentrum am Stadtrand war kein Bedarf, so richtete das Fernsehen der DDR, das für den Süden der Republik ein Sendezentrum suchte, seine Studios im Haus ein. Am Kulturpalast entstanden mehrere Neubauten z.B. für Werkstatt und Requisite. Der große Saal musste Studioeinbauten weichen. Bekannte DDR Fernsehsendungen wie Schätzen Sie mal“ oder Spiel Spaß“ wurden in Raabenstein produziert. Wieder sah der Kulturpalast viele Stars. 1991 übernahm der MDR das Haus und betrieb es als Studio Chemnitz bis zur Fertigstellung des neuen Leipziger Sendezentrums 1999. Seitdem ist die Zukunft des Kulturpalastes ungewiss. Ein Investor wollte das Haus zu einem Altenpflegeheim umbauen. Daraus wurde nichts. Auch der Abriss war schon in der Diskussion. Im Herbst 2007 fand eine große Discoveranstaltung im Kulturpalast statt.
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Blick in das Foyer des Kulturpalastes.
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Die im Stil des Klassizismus angelegte Innenarchitektur des Hauses vermittelte eine festliche Atmosphäre.
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Blick in den aufwendig gestalteten und mit edlen Materialien ausgestatteten Saal des Hauses.
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Der Rosettensaal.
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Gibt es eine Zukunft für den Kulturpalast?
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