Die Dresdner Scharfrichter und Abdecker
In
Vorzeiten in ehrbarer Stellung, wandelte sich das Bild des Mannes,
welcher durch die Gerichte Urteile an Leib und Leben zu vollstrecken
hatte nicht nur im Rahmen veränderter Strafverfahren, auch tat
wohl die Ausweitung der Inquisition 1484 durch Papst Innozenz VIII.
sein übriges, den Scharfrichter als vormaligen Ratsbeamten - der mit
dieser Aufgabe betraut wurde - anzufeinden bzw. zu meiden. Um so mehr
taten sich Scharfrichtersippen zusammen, deren Söhne und Töchter
untereinander weitverzweigt verheiratet, war man verpönt und
gemieden. Wie in ganz Sachsen erging es so auch dem Dresdner
Scharfrichter. Sein schlechter Ruf als Züchtiger, als Henker, auch
Carnifex oder Themmer - wie lokal in Dresden kurzzeitig genannt -
eilte ihm immer weit voraus.
War dieser aber
gewissenlos und blutrünstig? Nein, auch war seine Berufung weder
mystisch noch romantisch angehaucht. Seine Arbeit war hart, hatte er
doch zum Lebensunterhalt hauptsächlich andere Aufgaben zu verrichten.
Dresdner
Urkunden betrauen spätestens seit Ende des 14. Jh. einen
Scharfrichter mit seinen Aufgaben. Dies beweisen Reparaturarbeiten am
Haus des Henkers 1407 und 1409 im Loche. Als solcher ausgewiesen ist
er erstmals jedoch 1402: dem
czuchtiger von unser vrawen tage assumpcionis .. 1 sex. gr. 6 gr. et 8
gr. von eyme, den er hing. Die Hinrichtungen der folgenden Jahre
liegen noch außerhalb unserer Vorstellungskraft. So liest man neben
dem hängen von lebendig Begrabenen, von brennenden Scheiterhaufen
ebenso von Verstümmelungsstrafen wie dem Blenden (Augen ausstechen)
oder dem Brandmal auf die Stirn oder die Wangen. Gleichwohl
verrichtete Dresdens erster namentlich bekannter Henker, Meister
Paul, diese ihm anvertraute Tätigkeit mit Akribie. Erstmals hören
wir von ihm in einer Urkunde aus dem Jahre 1409, wo er gleich vier
Personen das über sie verhängte Strafmaß vollstrecken musste. Bis
um 1428 stand er so in den Diensten des Landesherrn.
Sein Nachfolger, Meister Franz, ist nur kurz in Dresden
angestellt gewesen. Lediglich eine Notiz als "Wächter" des
Frauenhauses und dem Erhalt des diesbezüglichen Zinses künden von
seiner Tätigkeit.
Schon
1431 erfahren wir aus den Abrechnungen der Stadt von Peter
Holremscher. Wie seine Vorgänger und nachfolgende seines Standes
war auch er nicht nur für die Stadt selber sondern gleichzeitig für
die umliegenden Dörfer angestellt gewesen. Doch Holremscher blieb nur
kurz in Dresden. Erfahren wir anno 1431: Petir Holremcher 30 gr.
vor zcwey uf dem prenger uud eynen zcur stupen geslagin und dem
henger 15 gr., das her eynen dort hinden gehauwen hat, so ist
bereits ein Jahr später Meister Caspar mit diesen Aufgaben
betraut. Dessen Tätigkeitsfeld ist bis 1434 in einer Mehrzahl von
Abrechnungen belegt, angefangen von der Beseitigung verdorbenen
Fisches, der Tätigkeit als Hundeschläger, bis zur Vollstreckung von
Urteilen an Leib und Seele. Wohl eine Verurteilung wegen Meineid, Verräterei
oder Diebstahl lies ihn 1432 zwei Personen zukommen - der eine wurde
geblendet, der andere gehangen. Sein Lohn hierfür betrug 30 gr. Für
eine Enthauptung 1433 wurde er mit 15 gr. entlohnt, 2 gr. erhielt er für
die Staupe an einem armen Sünder. Eine in Unglauben verfallene
Frau musste durch seine Hand auf dem Scheiterhaufen brennen, wofür er
gleichfalls 30 gr. bekam.
Hiernach
verlieren sich die Spuren des Henkers etwas. Wohl waren bis dahin
weitere Scharfrichter in Dresden ansässig, doch erst 1452 erfahren
wir: 12 gr. gelegen deme Meister uff das swert. Wie aus anderen
Quellen ersichtlich, wurden dem Henker häufig die Utensilien seiner
Arbeit von der Stadt zur Verfügung gestellt. Egal, ob Stricke, Holz,
Eisen etc., in diesem Fall scheint man diesem gar ein eigenes Schwert
zur Verfügung gestellt zu haben.
Eine
Besonderheit Dresdens und nur in einem kleinen zeitlichen Rahmen bezüglich
der Scharfrichterbenennung ist die Bezeichnung des Henkers als
Themmerer = Schläger. Zwischen 1455 und 1494 lesen wir so in
verschiedenen Abrechnungen von diesem bei der Vernichtung von
verdorbenem Fisch, dem Erhalt des Frauenhaus-Zinses und gleichzeitig
seinem Wohnort im Loche neben des Büttels Hause bzw. dem Frauenhaus.
Zudem veranlasste der Landesherr, den Wilddieben in der Dresdner Heide
Einhalt zu gebieten, wobei auch der henger bei der Suche
hiernach in Anspruch genommen wurde (1469).
Wieder
namentlich bekannt ist aus den Zinsregistern der Stadt Friedrich
der Schinder, der hier 1494 aufgeführt, 4 gr. von hawß und
garten (im Loche?) an die Stadtkasse zu zahlen hatte. Im gleichen
Jahr ist erstmals auch die Rede von der Schinderei an der Elbe. Wenige
Jahre später wird dieser selber wohl in die Fänge des Aberglaubens
um die in Sachsen grassierende Viehseuche geraten sein und einer der
verfolgten Abdecker, welche man hierfür zur Verantwortung gezogen
hatte, denn Friedrich der Schinder taucht in keinen weiteren
Unterlagen auf. Ein Nachfolger war jedoch schnell gefunden, denn
erstmals finden sich detaillierte Angaben zum Aufgabenbereich des
Abdeckers und Scharfrichters:
Des
auffdeckers dinst vorzceichent anno 1501. Sal dem rate gehorsam sein,
sich noch inn halten und richten. Dye sollen inn auffzunemen und zu
entsetzen haben. Alle wochen zcwene tage in der stat in allen gassen
umbgehenn, die reine haltenn. Item von schachten zu reinigen von einem
vasse, die er sall fullen, 4 gr. Von mastweyn zu smeltzen 4 gr. Von
pferden, kwnen zu endecken 4 gr. Item er sal das oeß nicht oben in
die Elbe schutten und sal hinder Aldendresden entdecken und sein haus
und garten mit fligkwergk halten und dem Heiligen Creutz vorzcinsen.
Genannter
Scharfrichter war ebenso nur wenige Jahre in Diensten der Stadt, denn
schon 1511 übergibt er dem Rat sein Schwert. Ob er hiernach, wie der
nachfolgende, Georg Tambach, in der Kreuzkirche öffentlich Buße
getan und hiernach heilige Stätten besucht hat, ist nicht mehr
nachvollziehbar. Tambach zumindest schied schon wieder 1515 aus den
ihm auferlegten Verpflichtungen. Und wieder tut sich eine Lücke in
der namentlichen Nennung des Scharfrichters auf. Zwar erfahren wir aus
den Abrechnungen aus seinem Tätigkeitsfeld - auch Hinrichtungen in
dieser Zeit sind verzeichnet -, doch erst um 1542 (nach Umzug vor das
Wilsdruffer Tor) betritt ein in späterer Zeit wohl bekanntes
Scharfrichtergeschlecht mit Caspar Peltz die Bühne der Stadt.
Obwohl
dessen Herkunft unsicher ist, führt eine Verbindung der Peltz'- bzw.
Poltz'schen Familie nach Solingen. Solingen - im Mittelalter schon über
die Grenzen weit bekannt wegen seiner Messer- und Schwertschmiedekunst
- nennt 1430 "O. Pols" in den Reihen der Schmiede. Ob
Caspar Peltz gleichfalls Delinquenten auf ihren letzten Weg begleiten
musste, wissen wir nicht. Eine Abrechnung belegt zumindest, dass er
eine der Dresdner Kornkammern seiner Zeit mit Mäusefallen bestückt
und hierfür 5 1/2 gr. erhalten hat. Caspar starb vor 1548. Dies
beweist eine Erweiterung zur Bestallung von 1501, wonach seinem Sohn
(?) Kunz Peltz 1548 erlaubt wird, die Beerdigung von Selbstmördern
anstelle des Totengräbers vorzunehmen. Zum Entgeld von 1 gr. erhielt
er außerdem die Kleider des Toten. Auch musste er zum Hinausfahren
des leblosen Körpers seine eigenen Pferde benutzen. Zudem war
festgelegt worden, dass er
alle Montage, Mittwochen und Freitage einen Knecht oder Jungen durch
alle Gassen gehen lasse, und was der allda von todten Hunden, Katzen,
Hühnern, Vögeln, Mäusen und anderm fände, das er dasselbe in einen
Sack sammle und in die Elbe oder auf den Schindeplatz trage. HTML clipboardDank
eines Hinweises von Wolf-Dietrich Golz wird eine verwandtschaftliche Nähe der
Pelz'schen zu den Bolz-/Boltz-/Poltz'schen Nachfolgern in der Dresdner
Scharfrichter- bzw. Abdeckerabfolge immer wahrscheinlicher. 1568 bewirbt sich Mathes
Boltz, "Der Junge Scharffrichter Zu Dreßden" um die
anzunehmend vakant gewordene Altenburger Stelle. Inwieweit diese ihm anvertraut
wurde, ist bislang nicht erkenntlich.HTML clipboardIn
Dresden selber erfahren wir um 1588 von der Tätigkeit eines Conrad
Poltz. Politisch brisant (und an dieser Stelle besonders
erwähnt sei, weil durch seine Hand vollzogen) ist auch heute noch in
aller Munde die Hinrichtung des Kanzlers Nikolaus Krell am 09. Oktober
1601 auf dem Jüdenhof. Conrad Poltz starb in jungen Jahren. Seine
Gemahlin, eine Tochter des Helmstedter Scharfrichters verehelichte sich
zwei Jahre nach dem Tode Conrads 1608 mit dem späteren Leipziger
Scharfrichter Valentin Heyland. In Dresden übernahm wohl Conrads
Verwandter
Christoph Poltz die Geschäfte. Kenntnis von ihm erhalten wir
aufgrund eines Stadtbrandes im Falkenhof, am 02. April 1614. Als eine
Art Entschädigung für die Verlegung seiner Wohnstatt nach weiter
außerhalb der Stadt kann man guten Gewissens seine Churfürstlichen
Begnadung vom 21.11.1615 (Abdeckereigeschäfte im Einzugsbereich Amt
und Stadt Pirna, Königstein und Gottleuba) betrachten. Hier setzte
Christoph Poltz Knechte ein. Aus seiner Ehe
gingen bislang bekannt vier Kinder hervor, wobei sein einziger Sohn
Israel Gottfried Poltz zuerst als Scharfrichter in Weißenfels tätig
war, ab 1653 als Besitzer der Delitzscher Henkerei sein Brot verdiente.
Christophs Tochter Blandina heiratete den Sohn seines Vorgängers Conrad, Joachim
Friedrich Poltz, geboren Juni 1605 in Dresden und späterer
Scharfrichter in Döbeln.
1622,
bei der Verpflichtung eines neuen Henkers wurde diesem das Ausschenken
von Bier ausdrücklich untersagt, woraus zu folgern, dass sein Vorgänger
vielleicht dieses Mittel zur Hebung seines Standes, um sich populärer
zu machen, versucht hat.
Anzunehmen ist nach dieser Aussage gleichfalls, dass für Dresden ein
weiterer bislang nicht namentlich bekannter Scharfrichter tätig war.
Denn erst wieder vier Jahre später erfahren wir ... von mehreren
Bewerbern für die Anstellung als Scharfrichter in Dresden, so Opitz
von Eilenburg und Hans Stengel aus Halle/Saale. Den Zuschlag erhielt
jedoch der im Amt Freiberg, Tharandt und Nossen bislang tätige Franz
Heyl, vermählt seit 1612 mit Susanne, Tochter des vormaligen
Dresdner Scharfrichters Conrad Poltz. Franz
Heyl, gleichzeitig für Leipzig, Pegau, Delitzsch, Freiberg und Weißenfels
verantwortlich, wird in Dresden selber nur sporadisch seinen Wohnsitz
besucht haben. Nur
durch Verpachtung konnte er die Geschäfte allerorten gleichzeitig zur
vollsten Zufriedenheit des Landesherrn ausführen. Aus seiner Zeit vor
1625 liegen noch die kurfürstlichen Freiheiten für das Amt Freiberg
vor, worin es 1597, 1605 und 1612 heißt: Heyl [solle] in
seiner Hantierung, Gerechtigkeit und Freiheit, soweit sich sein Revier
erstreckte geschützt werden. Außerdem solle man ihm
keineswegs gestatten, daß ihm von fremden Abdeckern sowohl derer von
Adel und anderer, Schäfern, Dorfschustern, oder Gerbern mit Abdecken
und Aufkaufung des toten oder schadhaften Viehes außerhalb ...
einiger Eingriff oder Schmälerung geschähe ...'
Wann und wo Franz Heyl starb, wissen wir nicht. Allerdings gingen
aus der Ehe mit Susanne zwei Söhne hervor, Hans Ernst und Franz. Ältester
wird wohl Hans Ernst Heyl gewesen sein. Er übernahm um 1640
die gut gehenden Geschäfte seines Vaters in Dresden. Ein Tete-a-tete
mit des Wachtmeisters Frau brachte ihn wenige Jahre später (1644)
jedoch nicht nur ins Gefängnis, der Ruf seiner Familie in Dresden war
geschädigt, die Familiendynastie der Heyls in Dresden beendet.
Des
Rats Entscheidung nach einem Nachfolger für Hans Ernst Heyl fiel auf Johann
Melchior Wahl, einen bis dahin in Wasungen, Weimar und Erfurt tätig
gewesenen Scharfrichter. Auch dieser war nur wenige Jahre hier ansässig,
denn in seiner Todesanzeige heißt es: Es starb [...] zu Dresden
1647 den 22. Febr. in seinem 41 Jahre Melchior Wahl, Scharf- und
Nachrichter. Er hieß von Dreißigacker und soll diesen Ehrennahmen
von einem Decollirten, der noch 30 Meter gelaufen, erhalten haben. Hans
Melchior war zweimal verheiratet, in erster Ehe 1622 mit Christiana (+
Wasungen 1632), Tochter des Eisenacher Scharfrichters Hans Fahner, in
zweiter Ehe um 1640 mit Margarethe, Tochter des Freiberger
Feldmeisters Daniel Tittmann. Aus beiden Ehen gingen bisher bekannt
insgesamt 10 Kinder hervor, wovon drei das Wahl'sche Familienerbe
fortführten. Außergewöhnlich ist, weil dies den selbstbewussten
Umgang mit seinem Stande widerspiegelt, sein Familienwappen: eine
Justitia mit verbunden Augen und hoch erhobenem Schwert in blauem
Felde, darüber ein geschlossener Helm - aufgestellt gewesen auf dem
ältesten Annenkirchhof.
Ob
auch sein Nachfolger, Johann Glöckner, in diese
Familienpolitik einbezogen war, wissen wir nicht. Wie in diesen Reihen
üblich, wird er als anfänglicher Scharfrichterknecht dieses Amt für
den noch minderjährigen Sohn Johann Melchiors, Johann Benedikt Wahl,
1647 übernommen haben. Anzunehmen ist, dass Johann Glöckner verwandt
ist mit Hans Glöckner, um 1634 Scharfrichter in Schweidnitz, um 1646
dergleichen in Torgau. Weitere Spuren zur Glöckner-Familie verlieren
sich im Dunkel der Geschichte.
Auch
wissen wir nur ungefähr, wann Johann Glöckner verstarb, denn mit Johann
Benedikt Wahl tritt 1662 wieder die Wahl'sche Familie ins
Rampenlicht der Abdeckerei / Scharfrichterei Dresdens. Auch hier
beweist sich wieder einmal die enge familiäre(?)/berufliche
Verwandtschaft: Er ist Taufpate des Johann David Zipser (*
01.06.1686), Sohn von Friedrich Zipser, Scharfrichter in
Dippoldiswalde. Weitere Kenntnis erhalten wir von ihm bei einer
Auseinandersetzung mit dem Amtmann zu Dresden bezüglich seiner
Gerechtigkeiten im Falle eines Selbstmörders und dessen Bestattung
(und aller damit verbundenen Verrichtungen) nur durch den
Scharfrichter im Jahre 1691/92. Am Ende seines Lebens heißt es in
einer alten Dresdner Zeitung: Dem aber im Jahr 1662 des [... Wahl]
Sohn, Meister Johannes Benedictus Wahl von Dreysigacker, geb. d. 12.
Oct. 1637 adjungiret worden, welcher auch nach dessen Tode
sussessionem acquriret und deßwegen zu notiren, daß er bis an seinen
Tod, den 5. May 1709 und also 47 Jahr solches in Rechten confirmirte
und priviligirte Amt verwaltet, auch bey seinem Leben mit einer 35
Jahr im Ehestande gelebten Frau 23 Kinder erzeuget, und von solchen 9
Kindes-Kinder gesehen. Er hat sein Alter gebracht auf 70 Jahr, 7
Monath, 3 Wochen und 3 Tage, und ist mit einem ansehnlichen Conduct
beerdigt, auch ihme eine Predigt über Ps. 73 v. 2.3. gehalten worden. Politisch wie auch in der Handhabung des Rechts brisant, erfahren wir Februar 1695 vom Tode des Dresdner Scharfrichter Melchior Vogel nach durchgestandener Folter. Der Grund hierbei lag in der Lieferung von Ingredenzien zur Herstellung eines "Liebestrankes", bestehend aus Fasern vom Strick eines Gehenkten, Blut eines Enthaupteten, Fledermausfett und Alraunwurzeln für die zu jener Zeit im Gedächtnis der Dresdner gebliebene Mätresse Kurfürst Johann Georgs IV., Sibylle von Neitschütz (17jährig; beide starben 1694 kurz hintereinander an den Blattern). Ein durch den Bruder und Nachfolger Johann Georgs IV., Friedrich August II. Kurfürst von Sachsen (August "der Starke"), angestrengter Prozeß wegen Hexerei brachte die Helfershelfer dieser "Aktion", "Margarete aus dem Spreewald", eine gewisse "Traummarie" und die Mutter der Sibylle von Neitschütz ebenfalls auf die Folterbank. Nur letztere überlebte diese Tortur. Sie starb nach eineinhalb Jahren Haft 1713 auf Ihrem Gut bei Bautzen. Nachfolger der Dresdner Scharfrichterstelle, Johann Christian Pötzsch, war wiederum durch
familiäre Verbindungen in den Genuss der Dresdner Henkerei gekommen.
Dieser, seit 1682 verheiratet mit einer Tochter Johann Benedikt Wahls,
ist sehr wahrscheinlich mit dem in Hohnstein tätigen Feldmeister
Johann Georg Pietzsch zusammenzubringen. Nähere Hinweise hierzu
blieben mir bislang verwehrt.
Und
wieder betritt ein Pol(t)z die Scharfrichter-Bühne Dresdens. Über
mehrere Generationen im Umland von Leipzig tätig, berichten die
Quellen von einem Andreas Polz, dessen Herkunft momentan zwar
gleichfalls noch nicht sicher ist, eine Verbindung nach Delitzsch aber
nicht ausgeschlossen werden kann. Nicht nur das in seine Zeit u.a. der
Umbau Dresdens zu einer der schönsten Barockstädte fällt, die
Aufmerksamkeit des Landesherrn gilt ebenso der innerstädtischer
Reinhaltung der Gassen und Plätze. In Anlehnung der
Scharfrichterverordnungen von 1501 und 1548 bestimmt
der Rat am 23. März 1730 die Reinigung der Gassen alltäglich stattzufinden
zu lassen: Die Bettelvögte sollten im Sommer um 6 Uhr, im Winter
um 7 Uhr früh die Gassen und Gässchen begehen und wenn sie Aeser fänden,
diese aufzeichnen und den Zettel in der Rathswache abgeben, worauf sie
dann um 7 beziehentlich 8 Uhr von dem "Stänkerjungen"
aufzuhheben und aus der Stadt zu schaffen waren.
Weit wichtiger fällt in seine Zeit der Beginn einer
Sensibilisierung der Bevölkerung für den Scharfrichterberuf, seine
Arbeit, sein Tun und Werken für die Gemeinheit. Verschiedene
Zeitungsberichte aus jener Zeit künden so einerseits zwar immer noch
von den Gräuel der Hinrichtungen in jeglicher Form, andererseits
werden z.B. Hintergründe zum Lebensweg verschiedenster
Henkersgeschlechter aufgezeigt.
Nachrichten zum
Nachfolger des Andreas Polz, Johann Gottlob Polz, sind wiederum
rar. Eine Quelle spricht lediglich von einem Vater-Sohn-Verhältnis
der beiden. Johann Gottlob starb bisherigen mir zugänglichen
Berichten vor 1763, was auch insofern rechtens ist, da bereits 8 Jahre
vorher (1755) eine Hinrichtung an einem Mörder dessen Nachfolger, Johann
Gottlob Polster, ins Rampenlicht rückt: Freitags, den 6. Juni
1755 wurde Karl Gottlob Zeibig, welcher in Trunkenheit am 7. Januar
zuvor einen Menschen ermordet hatte, auf dem Rabensteine zu Dresden,
welche vor dem Wilstruffer Thore lag, durch den Scharfrichter Joh.
Gottlob Polster [...] mit einem Schwertstreich enthauptet.
Derselbe berechnete 2 Thlr. 12 Gr. für die Dekollierung und 16. Gr. für
die Räumung des Rabensteines.
Johann Gottlob Polster, geboren um 1719 und verheiratet mit der
Tochter des in Bautzen Anfang des seit Anfang des 17. Jh. bekannten
Stockmeister- und Scharfrichtergeschlechts Zipser, Johanna Eleonora
Zipser (* Frauenstein 1738), war wohl auch in nachfolgender Geschichte
der Vollstrecker einer auch für ihn außergewöhnlichen
"Hinrichtung":
Auf Befehl des Königs von Preußen ward eine Hinrichtung
vollzogen, aber nicht an einem Menschen, sondern an einer
Druckschrift, des Titels „Kurzer doch gründlicher Beweis, dass das
Königreich Böhmen S.K.M. in Preußen zustehe“. Ein Kommando von
einem Unteroffizier und acht Gemeinen bildete in der Mitte des (Alt-)Marktes
einen Kreis, in den der Auditeur und der Scharfrichter traten: der
Scharfrichter ließ durch seinen Knecht in dem Kreise ein Feuer anzünden;
bei präsentiertem Gewehr las der Auditeur eine Erklärung vor, des
Inhalts, dass Se. Maj. An dieser Schrift keinen Anteil nähmen und auf
das Königreich Böhmen keinen Gedanken hätten, weshalb sie vor Gott
und aller Welt Augen öffentlich Ihr Mißfallen daran durch diese
Exekution kund tun wollten. Darauf gab der Auditeur die Schrift dem
Scharfrichter und dieser seinem Knechte, der sie auf dem Feuer zu
Asche verbrannte.
Um
so verwunderlicher ist dieses Exempel, als das seit 1756 Preußen
mehrfach in Böhmen einfällt und Prag belagert.
Neben diesem Exempel liegen gleichfalls noch Unterlagen zu
Zwistigkeiten zwischen Polster und dem Landesherrn vor, welche u.a.
die Beseitigung von Pferdekadavern nach der Schlacht bei Kesselsdorf
1745 betreffen.
Und obwohl bislang kein direkter Nachkomme des Johann Gottlob
Polster (+ vor Mai 1784) nachgewiesen werden konnte, so erfahren wir
dennoch von einem Meisterstück (erste erfolgreiche Hinrichtung) eines
Johann Gottlob Polster jun.: Am
28sten [Dezember 1784] ward zu Großenhayn ein gewesener Soldat vom
Regim. Pr. Anton wegen verübten Mordes an einer jungen Weibsperson
geköpft und sein Körper Tages darauf in hiesige Charitet überliefert.
Der junge noch unmündige Polster, ein Sohn des vorigen Scharfrichters
[Johann Gottlob Polster], machte sein Meisterstück an ihn."
Doch
schon das Jahr 1770 läutete für die sächsische Rechtspflege
ruhigere Zeiten ein. Wurden u.a. noch 1761 zwei Unteroffiziere, welche
gestohlen hatten, Galgen und Rad als Brandmahl auf die Stirn geprägt,
so schaffte man in diesem Jahr solcherlei Strafen, einschließlich Rädern,
Schleifen, Verbrennen, Säcken, sowie überhaupt die Folter (zumindest
auf dem Papier) endgültig ab.
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