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Hallo, liebe Freunde -

eine neue Seite bei Sonny4animals.

Diesmal ganz etwas anderes. Ich weiß, dass viele von Euch gerne Ihre Gedanken niederschreiben. Eure Erlebnisse. Kleine Geschichten. Auch wenn die Zeit oft viel zu knapp dafür ist - immer wieder erreichen Sonny hübsche kleine Geschichten und Anekdoten.

Warum also nicht sollten wir sie hier veröffentlichen - alle daran teilhaben lassen?-

Bitte scheut Euch nicht, Eure Geschichten zu schicken - hier geht es nicht um Perfektion. Sondern um die Freude daran, schöne - aber auch eben nicht so schöne Begegnungen oder Erlebnisse mitzuteilen.

Auch Briefe und Gedichte dürft Ihr hier gerne veröffentlichen. Nur Mut!

Der Verteiler von Sonny ist zwischenzeitlich recht beachtlich geworden - Eure Geschichten erreichen also viele Gleichgesinnte. Noch mehr natürlich, wenn Ihr Euren eigenen Verteiler ebenfalls nutzt zur Weitergabe.

Schreibt mir unter dem Betreff "Geschichtenwerkstatt" - dann kann ich es gut herausfiltern.

Ich mache hier gleich mal den Anfang mit dem ersten Teil einer kleinen Geschichte von zwei Eichen.

Ja - richtig gelesen: zwei Bäumen. Warum denn auch nicht? Lest doch einfach mal - vielleicht seid Ihr ganz überrascht.

Auf jeden Fall wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr mir Euere Meinung sowohl zur Idee als auch zu der Geschichte von Aick und Boom schreiben würdet.

Diese Seite wird ab sofort unter http://www.sonny4animals.de/

Unterrubrik "Geschichtenwerkstatt" zu finden sein.

Liebe Grüße

Euer Jochen


Erinnerungen einer Eiche

 

Das Erste, was ich in meinem gerade begonnenen Leben bemerkte war, dass ich mich im freien Fall befand - ein durchaus gar nicht so unangenehmes Erlebnis, wenn man die Gesetze der Schwerkraft noch nicht kennt.

Also genoss ich den Flug nach unten - und schlug nach ein paar Sekunden unsanft auf. Überall rund um mich herum war eine dicke Moosschicht, die meinen Aufprall hätte abfedern können - nur nicht dort, wo ich mit einem vernehmlichen „Plopp“ gleich wieder in die Gegenrichtung transportiert wurde.

Das Spielchen wiederholte sich und als ich merkte, dass meine harte Schale mich weitestgehend schützte, gewann ich sogar Gefallen daran – aber nun wurden die Abstände kürzer und ehe ich mich versah, lag ich reglos auf der Erde.

Zeit, die nähere Umgebung zu erkunden.

Zu meiner Rechten ragte ein komisches Gebilde in die Luft, gerade und lang und oben mit einer Art riesigem Hut versehen, grinste mich ein Pilz an und meinte:

 „Na, da hasse ja noch mal richtig Glück gehabt! N` Stückchen weiter wärsse aufe Straße geknallt - und dann hätt dich ganz fix n`Auto platt gemacht. Aber so hasse ne echte Chanx!“

Wie ist der denn drauf, dachte ich nur und drehte mich zur anderen Seite um. Aber der Kerl hatte recht gehabt. Da war eine Art großer, breiter, glatter Weg auf dem riesige krachmachende und stinkende Ungetüme hin und her fuhren.

Als ich nach oben sah stellte ich fest, das sich erwachsene Artgenossen zu Hauf hier aufhielten, aber ich sah kein Gesicht, das mir in irgendeiner Form bekannt vorkam oder sogar Vertrauen einflößte.

So wurde ich müde und schlief auch gleich darauf ein.

 

Als ich erwachte, war es völlig dunkel und ich hatte Schwierigkeiten, wieder einzuschlafen. Aber nach geraumer Zeit des Lauschens auf die Geräusche dieser neuen, aber noch so unbekannten Welt, gelang es mir dennoch - allerdings mit einem leisem Seufzen.

Ein eiskalter Schreck durchfuhr mich.

Bis vor einer Sekunde hatte ich noch einen schönen Traum gehabt, aber jetzt wurde ich plötzlich von zwei riesigen, zangenartigen Gebilden emporgehoben und ein paar Augen, die mindestens doppelt so groß waren wie ich selbst sahen mich neugierig an.

Ich wurde zwischen den Fingern des Jungen gedreht, dabei weiter begutachtet und verschwand gleich darauf mit einem irrsinnigen Tempo in einem dunklen Verlies.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, dann aber stellte ich fest, dass ich nicht allein war: mindestens drei meiner Artgenossen waren in der gleichen Situation wie ich!

„Hi“ meinte ich und tat dabei völlig professionell belanglos, während ich in Wirklichkeit ängstlich auf die Reaktion der anderen wartete.

„Hallo“ sagte nach einer Weile einer der drei, “hat man dich also auch erwischt!“

„Erwischt? Wie meinst du denn das?“

„Na ja, will sagen: hat dich der Bengel auch aufgesammelt! Scheinst dich noch nicht so recht auszukennen, was?“

„Na ja, ich...“

„ OK, dann will ich dich mal aufklären: Die Menschen sammeln uns, um uns entweder zu pflanzen oder aber an riesige Tiere zu verfüttern. Mit etwas Glück wirst du auch zum Basteln missbrauchst. In den letzten beiden Fällen brauchst du dir keine weiteren Gedanken zu machen, denn dann ist dein Leben bereits zu Ende.

Möglicherweise jedoch will dich und auch uns dieser Lauselümmel von Menschenkind, in dessen Hosentasche du dich gerade befindest, als Geschoss für seine Schleuder gebrauchen. Damit hättest du dann die größte Möglichkeit zu überleben.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Nun gut. Solltest du in die Schleuder geraten, kommt es darauf an, wie gut dieser Knabe hier damit umgehen kann. Trifft er sein Ziel und das ist härter als du........... dann gehen deine Lichter wieder aus. Unsere übrigens in diesem Fall genauso.“

„Und wenn er sein Ziel nicht trifft oder es weicher ist als ich?“

„Dann haste wieder eine Chance, mal  ein richtig großer Baum zu werden“ brummte plötzlich eine andere Eichel aus dem Hintergrund.

Ich konnte nur schemenhaft erkennen, das sie ziemlich groß war.

Na, das waren ja herrliche Aussichten.

Ich hätte zu gerne gewusst, woher um alles in der Welt die anderen Leidensgenossen dieses Wissen hatten.

Offensichtlich waren sie doch schon einige Tage älter als ich selbst und kannten sich deshalb viel besser aus.

Na ja, wenn es denn so um mich - Pardon: um uns stand, konnten wir alle unser Schicksal eigentlich doch nur abwarten und uns darin fügen. Welche  Möglichkeiten würde schon die Rebellion einer Handvoll Eicheln in der Hosentasche eines so überlegenen Geschöpfes haben!

„Mist!“ entfuhr es mir im Brustton der Überzeugung

„Soll ein gutes Düngemittel für uns sein“ brummte der Dicke aus dem Hintergrund ungerührt.

„Gibt es denn  gar nichts, wie wir uns wehren können?“

„Kannst mir glauben, Kleiner: Wir können nichts tun. Die Menschen verstehen unsere Sprache nicht.

Ja, sie sind intelligent und hochentwickelt - man sagt, sie seien die höchstentwickelten auf diesem Planeten. Aber sie haben noch nicht einmal eine Ahnung, dass es eine Kommunikation zwischen den Pflanzen gibt! Oh, wenn sie es nur wüssten!“

Mir wurde ganz schummrig.

„Sag mal - entschuldige die dämliche Frage - woher weisst du all dies eigentlich so genau ?“

Der namenlose Leidensgenosse mir gegenüber schwieg eine Weile und im Dämmerlicht der Hosentasche konnte ich erkennen, wie er schmunzelte.

„Wann bist du denn vom Baum gefallen? Gestern oder vorgestern ?“

Ich schwieg und war froh, dass man bei der Dunkelheit nicht sehen konnte, wie ich errötete.

„Brauchst dich deshalb nicht zu schämen. Wir alle sind höchstens ein paar Nächte älter als du und es ging uns ganz genauso. Warte einfach auf den Moment“

„Welchen Moment ?“

„Plötzlich - in ein paar Nächten - macht es „Klick“ in dir. Und von diesem Moment an hast du es.“

„Habe ich was ? Bitte mache es doch nicht so spannend.“

„Nun, du weißt einfach alles, was du wissen musst. Alle Erfahrungen aus Jahrhunderten gehen in diesem Moment in deine Erinnerung und in dein Bewusstsein über. So geht es allen von uns. Jeder einzelnen Eichel. Jedem anderen Samenkorn auf dieser Erde......“

Jetzt musste ich doch wirklich schlucken.

„Ich hoffe nur, du willst mich nicht foppen“ sagte ich.

„Du wirst es sehen - wenn du solange am Leben bleibst. Aber jetzt versuche ein wenig zu schlafen.

Ändern kannst du an der gegenwärtigen Situation doch nichts. Wir passen schon auf, und wenn sich etwas tut, werden wir dich rechtzeitig wecken“

„Oh ja, danke. Ich bin wirklich sehr müde.“

Doch bevor ich einschlief fragte ich noch

„Sag mal, wie heißt du eigentlich ?“

„Ich bin Aick“

„Toller Name, Aick. Schön, dass es dich gibt und vielen Dank, dass du mir so viel erklärt hast.  Ich heiße übrigens...........“

Ja, wie war denn eigentlich mein Name ?

In dieser Sekunde entfuhr mir:

„Ich heiße Boom“

Woher ich das so plötzlich wusste ? Nun, es hatte eben in diesem Moment „Klick“ in mir gemacht und mein inneres war nun auf einmal mit einer riesigen Menge von  Informationen und Erfahrungswerten gefüllt.

Beruhigt schlief ich ein, denn eines wusste ich von diesem Moment an : Egal wasauch passiert, ich würde immer ich sein und alles musste sich wiederholen. Mir konnte gar nichts geschehen.

Dachte ich.

 

 

Die Dunkelheit hatte mich schläfrig gemacht und die Anstrengungen des Tages forderten ihren Zoll. Wie sollte es jetzt weitergehen?

Irgendwann hatten die Bewegungen aufgehört und wir hatten alle das Gefühl durch die Luft zu fliegen, als die Hose in der wir uns befanden ausgezogen und in eine Ecke geworfen wurde. Danach war Ruhe und als ich nachts einmal aufwachte, hörte ich nur die leisen Schlafgeräusche meiner Leidensgenossen.

Natürlich schlief ich sofort wieder ein.

Tags darauf wurden wir durcheinander geschüttelt und die Bewegungen gingen wieder los. Ganz mulmig konnte einem davon werden.

Gerade als ich Aick fragen wollte, wie lange er schon hier ist, wurde es plötzlich ganz hell in unserem Verlies und die Riesenzangen packten Aick und zogen ihn heraus. Ich erschrak furchtbar, schließlich hatte ich keine Ahnung, was jetzt passieren sollte. Sekunden später hörte ich Aick empört „Aua, du Blödmann“ rufen, dann einen Knall und unmittelbar darauf Aicks „uiiiiii“, das immer leiser wurde. Als ich nichts mehr hören konnte, war ich soweit in Richtung Ausgang gerollt, dass ich wohl die nächste Eichel sein musste, die gegriffen wurde. Ich hatte es noch gar nicht ganz gedacht, da wurde es wieder hell, die Finger packten mich ebenso, wie Aick, pressten mich in eine Schleuder und schon schoss ich - hoffentlich - in die gleiche Richtung in die auch mein Freund Aick verschwunden war. Den hatte ich nämlich auf Anhieb gemocht.

Ohne auf ein nennenswertes Hindernis zu treffen fiel ich irgendwann zu Boden, zwischen Farnen auf einen guten Waldboden. Als ich mich umsah, konnte ich meinen Freund nicht sehen und ich wurde ganz traurig.

Sollte ich jetzt etwa ganz allein sein, mit all meinem Wissen und mich mit niemandem mehr unterhalten dürfen? Niemals ?

Ich nahm alle meine Kraft zusammen, konzentrierte sie auf einen Punkt meiner Außenhülle und - rollte ein paar Meter weiter. Keine Ahnung, wie das funktioniert hatte. Aber es ging. Als ich es allerdings noch mal machen wollte passierte nichts mehr. Ich konnte mich keinen Zentimeter mehr weiter bewegen.

Auch gut.

Der Boden unter mir war feucht und roch gut. Ein guter Platz zum keimen, dachte ich so bei mir, als ich die liebenswerte Stimme Aicks hörte, der  ein paar Meter weiter ebenso wie ich völlig unverletzt gelandet war.

„Mann, du hast dir aber ordentlich Zeit genommen - warst du noch ein Eis essen??“

Ich atmete tief ein und aus.

Jedenfalls hatte ich jetzt jemanden, mit dem ich reden konnte...

 

Genau das taten wir dann auch. Wir sprachen viel und wurden so richtig gute Freunde im Laufe der Zeit. So bemerkten wir erst gar nicht, dass wir bereits keimten. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als unsere Außenhaut fast zur gleichen Zeit aufsprang und ein Teil von uns sich in die Erde bewegte, während der Rest in Richtung Himmel wuchs.

Unsere Kindheit verbrachten wir auf diese Weise unbeschadet und gut bewacht von vielen erwachsenen Eichen, die rings um uns bereits stattliche Ausmaße angenommen hatten und unser ständiges Getuschel oft mit ermahnenden Blicken quittierten.

Wir wuchsen und wuchsen und nach ein paar Jahren waren wir aus dem gröbsten heraus.

Zuerst hatten sich die Ameisen an unseren Ästen die Läuse geholt, später kleine Vögel ihre Nester in unseren Zweigen gebaut. Wir verloren unser Laubkleid im Herbst und ein noch größeres, schöneres wuchs uns im Frühling. In der Zeit dazwischen schliefen wir viel und manchmal froren wir auch. Aber immer, wenn wir wieder erwachten, waren wir wieder ein Stück gewachsen und immer war Aick für Boom da und Boom für Aick.

Manchmal konnten wir auf Menschen herabsehen, die in der Nähe vorbeikamen und wohl Pilze suchten. Aick wurde irgendwann ein merkwürdiges Zeichen in die Außenhaut geschnitten, von einem Menschen. Der konnte tatsächlich sein Geschrei nicht hören - das konnte ich erst gar nicht glauben. Das Zeichen war wohl ein Herz - ein Zeichen, dass der Mensch verliebt war, glaube ich. Trotzdem, er hatte meinem Freund weh getan - und das fand ich gar nicht so toll.

Es folgten viele, viele Jahre des Wachsens - ungezählte Gespräche mit Aick und auch anderen Eichen, die in unserer Nähe aufgewachsen waren. Kälte und Hitze lösten sich ab und immer wieder waren wir etwas weiter nach oben gewachsen, bis - ja bis wir plötzlich ebenso groß waren, wie die, die  hier schon standen, als wir noch ganz klein waren. Wir konnten den Himmel sehen und den Horizont. Hoch über uns fliegende Vögel mit einer glänzenden Haut, die einen weißen Streifen hinter sich herzogen und eine schnurgerade Flugbahn verfolgten - Adler, die majestätisch über uns kreisten und herablassend auf uns herunter blickten - das Leben war so schön.

Trotz der Schönheit über uns, verloren wir jedoch nicht den Blick für alles, was sich auf dem Boden abspielte.

Vor ein paar Jahren war in unmittelbarer Nähe von uns ein breiter Waldweg entstanden. Oft gingen die Menschen hier entlang, und manchmal hörten wir sie sprechen - natürlich konnten WIR sie verstehen. Warum das umgekehrt nicht funktionieren sollte, leuchtete uns überhaupt nicht ein und ehrlich gesagt: ich glaubte es auch nicht so ganz. Auf besagtem Waldweg sah man also des öfteren Menschen - mal zu zweit, mal eine ganze Familie oder auch zwei, mal ein paar Jugendliche, aber gelegentlich waren sie auch allein. Ein paar von ihnen gingen durch den Wald und sahen denselben vor lauter Bäumen nicht, ihr Blick war geradeaus gerichtet und wich nicht einen Zentimeter in eine andere Richtung ab. Die taten mir leid. Hätten sie nur einmal nach rechts, nach links oder nach oben gesehen und erkannt, wie schön alles hier war – bestimmt wären sie nicht so griesgrämig geworden, wie sie aussahen.

Andere hingegen waren aufmerksam und aufgeschlossen, sahen hierhin und dorthin, hielten mal hier an und mal dort. Sahen sich alles ganz genau an und schienen glücklich zu sein.

 

Ich fand Gefallen daran, diese Menschen zu beobachten und mit der Zeit erkannte ich den Menschentypen schon von weitem.

So konnte ich schnell sagen: da kommt ein aufgeschlossener, interessierter Mensch - dort ein Heißsporn, ein Trauriger, ein Glücklicher, ein Verliebter - auch ich hatte mittlerweile schon ein Herz eingeritzt bekommen - und war in der Lage, viele Charaktere und Stimmungslagen der Menschen zu erkennen.

 

Es vergingen viele Tage, Spaziergänger kamen und gingen, Hunde pinkelten uns gelegentlich an und ein Specht wollte seinen Bau in mein Inneres hämmern. Ich hab mich aber dermaßen geschüttelt, dass er empört wieder abzog.

„Dem hast Du´s aber gegeben !“ sagte Aick grinsend

Wir wuchsen - wenngleich auch nicht mehr so schnell wie anfangs - und beobachteten den Wald, den Himmel und den Wind. Bald würde wieder der Schnee kommen, die ersten Blätter waren schon gefallen.

Die Winter hatten uns bisher noch nichts ausgemacht, wir hatten unsere Bedürfnisse ganz weit heruntergeschraubt und die meiste Zeit verschlafen.

Aber vor ein paar Wintern fing es an. Wir froren schon mal heftig und der Stamm tat auch schon mal tüchtig weh, wenn der eiskalte Wind uns versuchte zu biegen. Im Frühjahr war das alles wieder vergessen, aber jetzt, in diesem Jahr machten wir uns schon mal Gedanken darüber, wie der Winter wohl diesmal an uns zehren würde.

Wir würden es sehen.

Er kam in diesem Jahr schneller, als wir ihn erwartet hatten und wurde bitterkalt.

 

                                            

Zuerst hatte ich gedacht, ich träume.

Irgendetwas hatte laut gekracht, kein sehr schönes Geräusch.

Der Schnee hatte sich auf unsere Äste gelegt und wärmte uns etwas – trotzdem war es lausig kalt. Gerade, als ich wieder eindösen wollte, krachte es erneut, aber diesmal viel lauter und durchdringender.

Aick war ebenfalls aufgewacht und wir sahen uns erschrocken an.

„Alles in Ordnung ?“

"Ja schon - aber schau mal..."

Und dann sah ich es auch.

 

Einer unserer Artgenossen, wohl schon etwas betagter, war zusammengebrochen. Einfach so. War einfach  umgefallen.

Wir hatten uns nie so richtig mit den anderen unterhalten - höchstens mal ein "Wie geht’s denn so“ , aber das war's dann auch.

Nun lag er als einer von uns da und wir konnten ihm nicht helfen.

„Das ist der Lauf der Dinge - er hätte ja auch geschlagen werden können..“ hörten wir jemanden murmeln.

Uns wurde schlagartig klar, dass auch wir nicht ewig und drei Tage hier stehen und uns unserer blühenden Jugend erfreuen würden. Eines Tages würden auch wir einfach umfallen, oder von den Waldarbeitern geschlagen werden und was dann passieren würde, ja, dass wusste niemand.

Der Lauf der Welt.

Ich musste an die Menschen denken, die jetzt in warmen Stuben aneinandergekuschelt vor dem Kamin saßen und einen Glühwein tranken, während sie Weihnachtsmusik hörten oder sich einen Film im Fernsehen ansahen und beneidete sie darum.

Es dauerte sehr lange, bis ich wieder einschlafen konnte und ich fror furchtbar. Irgendwann aber fiel ich dann doch in einen unruhigen Schlaf mit vielen Träumen, der bis zum Frühjahr andauern sollte.

 

 

 

Wieder wurde ich durch ein lautes Geräusch geweckt.

Diesmal war es das einer Motorsäge, wir hatten sie schon oft gehört, aber noch nie so nahe.

Die warme Frühlingssonne war angenehm und als ich mich reckte sah ich auf der einen Seite den noch schlafenden Freund Aick - auf der anderen Seite die Waldarbeiter, die den im Winter gestürzten Baum zerteilten......

Aick hatte wirklich einen besonders tiefen Schlaf, er musste doch auch von dem Krach wach werden.

Aber wer wusste schon, wann er endlich wieder zum schlafen gekommen war. So beobachte ich die Arbeiter, die Vögel, die zwitschernd auf meinen Ästen saßen und teilweise schon Nistmaterial suchten, bewunderte den blauen Himmel und wärmte mich in der warmen Frühlingssonne. Die Welt war wieder in Ordnung. In ein paar Wochen hatte ich wieder mein Laubkleid an, das war sicher.

Aick war noch immer nicht wach und so langsam machte ich mir Sorgen um ihn.

Als die Arbeiter fertig waren gingen sie noch um viele andere Bäume herum, dabei hatten sie einen großen Farbtopf in der Hand. Einige von uns erhielten einen farbigen Ring um den Stamm, und ich war eigentlich erst mal neidisch darauf, dass Aick auch so eine Markierung bekam und ich nicht.

Endlich wachte der Freund auf und reckte sich ebenfalls müde.

„Na du hast ja vielleicht einen gesunden Schlaf!“ sagte ich, aber Aick verzog nur säuerlich das Gesicht.

„Mir geht's gar nicht so gut, alter Junge. Ich fühle mich schlapp und elend, so als hätte ich eine tüchtige Brippe.“

(Brippe ist bei uns Bäumen das, was bei den Menschen eine Grippe ist)

„Das tut mir leid, kann ich dir irgendwie helfen?“

„Nein, lass nur - es wird schon wieder. Ein paar Tage Ruhe und noch etwas Schlaf, dann wird es wieder gehen, schätze ich wohl...“

Und schon war er wieder eingeschlafen.

Man, wie gerne hätte ich ihm jetzt geholfen - aber er war so weit weg, dass ich nicht einmal mit meinem längsten Ast erreichen konnte. Vielleicht, wenn er seinen auch in meine Richtung ausstreckte, aber wie sollte er - er schlief ja schon wieder.

Sah wirklich nicht gut aus, beim genaueren hinsehen, war mir bisher noch nicht aufgefallen. Seine Knospen waren schlaff, die Rinde  trocken und platzte an verschiedenen Stellen auf.

Ob er nicht genug Wasser bekommen hatte? Oder hatte er einfach nur einen zu kräftigen Schluck von dieser übelriechenden Brühe in seinen Wurzeln aufgenommen, die ein paar Meter unter dem normalen Grundwasser stand? Au weh, dass konnte dann ins Auge gehen. Selbst als es noch so trocken war in den letzten Sommern, hatte ich mich  standhaft geweigert, von der giftigen Brühe zu trinken.

Sollte nun etwa Aick davon........ hoffentlich nicht

Der Freund schlief, und schlief und schlief - den ganzen lieben langen Tag. Nachts hörte ich ihn ein paar Mal laut seufzen und konnte im Halbdunkel erkennen, dass er wohl Schmerzen hatte. Ich selbst machte kein Auge mehr zu und verscheuchte wütend alle Nachtvögel, die dem Freund hätten lästig werden können mit einem verärgerten Rascheln meines Geästes.

Der Morgen kam und Aick war noch immer schlecht drauf, seine Blüten und  jungen Blätter hingen schlaff herunter, er war ganz grau im Geäst und seine Rinde - na ja. Aber er war wieder wach, und schlief nicht gleich wieder ein. Zwar noch ein wenig wortkarg, aber ich war zuversichtlich, dass das häufige, heftige Niesen des Freundes wohl doch nur auf eine tüchtige Erkältung zurückzuführen war - dem Himmel sei Dank.

In den nächsten Tagen erholte sich Aick zusehends. Die Blätter bekamen wieder Farbe, die Rinde wurde glatter und er witzelte bereits wieder über die vorübergehenden Spaziergänger.

Ja, so kannte ihn Boom: immer lustig und zu einem Späßchen aufgelegt.

Noch vor kurzem hatte  er ihn beobachtet, wie er nachts eine Eule geärgert hatte: Mit einem kleinen dünnen Ast hatte er dem Tier immer wieder einen kleinen Tatsch auf den Allerwertesten gegeben. Als es sich umdrehte, war der Ast starr und steif  viele Zentimeter über der Eule. Ich konnte im Dämmerlicht das wütende Gesicht des Tieres erkennen und das mühsam unterdrückte Grinsen von Aick - bis er endlich nicht mehr konnte und lauthals kräftig und schallend lachen musste. Es war das erste Mal, dass ich einen anderen Baum gesehen habe, dem vor Lachen die Tränen gekommen sind. Die Eule hat sich nie wieder auf einem seiner Äste blicken lassen...

 

 

 

Aick fing an mir Sorgen zu machen.

Seit Tagen hatte er kaum noch ein Wort gesprochen, war selten aufgewacht. Immer öfter schien er einen Alptraum zu haben - er schüttelte so unkontrolliert sein Geäst am hellichten Tag, dass mir manchmal wirklich  Angst und Bange wurde. Ich wurde ganz traurig, denn er fehlte mir. Wie oft hatten wir endlose Gespräche geführt - über Gott und die Welt. Und nun, nach so vielen Jahren schlief er plötzlich Tag und Nacht, war kaum noch ansprechbar und alles sah so aus, als würde sich sein Zustand immer nur noch weiter verschlechtern. Ich hatte überhaupt keine Hoffnung mehr - anfangs hatte ich noch versucht, ihn aufzumuntern, ihn wachzuhalten. Aber es war hoffnungslos. Er hatte alles getan, nicht einzuschlafen - erfolglos. Also ließ ich ihn schlafen, in der Hoffnung, dass er sich erholen und endlich wieder genesen würde. Aber nach den letzten Wochen war mir klar geworden, dass ich meinen Freund wohl verlieren würde und allein der Gedanke daran machte mich so traurig, dass mein hölzernes Baumherz schier zu zersprengen drohte. Immer wieder gingen mir die gemeinsamen Jahre durch den Kopf - von der Zeit in der Hosentasche eines Jungen bist zum heutigen Tag. Er durfte nicht sterben ! Wie sollte ich denn alleine klarkommen ? Mit den anderen Eichen rundherum hatten wir keinen Kontakt gehabt - irgendwie waren die alle nicht auf unserer "Wellenlänge" -  nein: er durfte einfach nicht sterben.

Sie glauben nicht, dass Bäume weinen können ?

Haben SIE eine Ahnung!

Klar, lange wusste ich nicht, wie es funktioniert.

Ich habe wirklich viele Tränen verloren in dieser Zeit.

Und dann war es soweit.

Irgendwie hatte ich mich darauf vorbereitet, aber als es dann wirklich soweit war, war es so hart, so brutal und gemein und ich konnte ich es nicht glauben. Ich wollte schreien, mich aufbäumen, selbst nicht mehr weiterleben - aber alles was ich tun konnte, war Schweigen.

Der Freund war noch einmal wachgeworden in der vergangenen Nacht, hatte erst gestöhnt, dann plötzlich ganz deutlich gesprochen - ja herumgewitzelt über seine fehlenden Blätter und die  blöden Pilze, die immer versuchten, sich in seiner Rinde einzunisten, die Eule, die nicht mehr kam. Einen Moment lang hatte ich gedacht, er würde sich erholen, alles würde wieder gut.

Aber dann hatte er einen langen Seufzer getan, mir mit seinem Hauptast zugewunken und gesagt: "Sieh zu, alter Junge............" und in diesem Moment war mir klar, dass dies ein Abschied war.

Er war einfach wieder eingeschlafen und nun, fast 50 Stunden später, noch nicht wieder aufgewacht.

Ich war so unsagbar traurig....

 

Die Männer arbeiteten routiniert und sauber. Sie sahen die Markierungen, verglichen den Standort mit ihren Listen und mit der Motorsäge war ein Eichenstamm schnell durchtrennt.

Nachdem der Baum gefallen war, wurde er vom Geäst getrennt und ab ging es zum nächsten Baum.

Als Aick fiel ,zerriss es mir fast mein hölzernes Herz.

Nichts mehr würde ab jetzt so sein, wie es  war.

Mein Freund Aick war gefällt worden. Das hässliche Geräusch der Motorsägen würde mich ab jetzt verfolgen, bis ich vielleicht selbst einmal von ihnen zu Fall gebracht werden würde.

 

Entwurzelt, nackt ohne Äste, lag er tagelang dort, bis endlich wieder andere Arbeiter kamen und ihn auf einen riesigen LKW luden. Ich konnte nicht hinsehen, denn es tat zu weh, den Freund so zu sehen. Zu wissen, nicht mehr mit ihm sprechen zu können. Nie wieder seinen Humor zu genießen, seinen Beistand, seine kameradschaftliche Zuneigung. Der Schmerz war einfach unerträglich - und das schlug sich innerhalb kürzester Zeit auf mein Blätterkleid aus: sie wurden welk, meine Äste waren schlaf und hingen einfach nur traurig herunter. Es war mir egal - welchen Sinn hatte diese Dasein denn noch ohne den Freund so vieler Jahre?

 

In den folgenden Wochen schlief ich sehr viel. Zwar hatte sich mein organischer Zustand verbessert - äußerlich sah ich wieder ganz gut aus, aber innerlich war ich ziemlich fertig. Nichts, aber auch gar nichts konnte mich trösten über den Verlust des Freundes. Ich hatte keinerlei Lebenswillen mehr - leider. Eigentlich wartete ich nur noch auf den kommenden Winter, der mir den Rest geben sollte.

Ja ,und so verschlief ich eben die meiste Zeit und träumte vor mich hin. Träumte von vergangenen Zeiten, den langen Gesprächen mit Aick. Ich konnte den Verlust nicht verwinden, zu tief war das Gefühl für den Freund gewesen.

 

Die Tage und Wochen verstrichen und ich fühlte mich matt und elend, alt und verbraucht - hatte keinen Lebenswillen mehr. Natürlich war mir völlig klar, dass es falsch war, sich jetzt so hängen zu lassen, aber ich konnte einfach nicht anders.

Der Winter kam, ich hatte nicht genug Nahrung zu mir genommen, war in einem ausgesprochen schlechten Zustand und so geschah was geschehen musste: die Arbeiter malten mir einen dicken farbigen Ring an den Stamm. Ich bemerkte nicht, dass das Frühjahr gekommen war und erst als ich umfiel, sah ich die Waldarbeiter, die mich gefällt hatten.

Als ich so da lag und man mir mein trockenes Geäst abschnitt, dachte ich noch: vorbei, auch gut, vielleicht sehe ich im Baumhimmel ja meinen Freund Aick wieder. Dann schloss ich meine Baumaugen und wartete auf das endgültige Ende.

 

Ich erwachte und fühlte mich nicht schlecht.

So ist das also im Baumhimmel; man fühlt sich OK, hat ein gesundes Baumkleid, es gibt keine Winter mehr, immer ist genug zu essen da, man kann den lieben lange Tag mit Freunden reden oder Späßchen machen - alle paar tausend Jahre kommt ein Baumoberengel und erkundigt sich freundlich, ob er etwas für das Wohlbefinden tun kann, man trinkt gemeinsam etwas Baumwein und ist bis ans Ende der Zeit eigentlich nur glücklich...........

Fast freute ich mich darauf, meine Augen zu öffnen und all das Schöne zu sehen, was mich da erwartete.

Diesen Augenblick wollte ich voll auskosten, ihn in allen Zügen genießen, also döste ich noch einen Moment vor mich, dachte daran, was Aick wohl sagen würde - ob er wohl auch da sein wird, mich in Empfang nehmen wird? Wartete der Freund bereits voller Ungeduld darauf, dass ich endlich die Augen aufmachte ? Soviel Zeit muss sein, mein Freund dachte ich und musste grinsen, so grinsen, dass sich meine Rinde abbröckelnd verbog.

Schließlich aber hatte ich doch keine Geduld mehr - vor allem aber begann ich wieder einmal erbarmungslos zu frieren.

Zu frieren?

Im Baumhimmel ?

Erste Zweifel kamen mir. Irgendetwas stimmte hier nicht.

Vorsichtig öffnete ich die Augen und sah - nichts.

Dafür hörte ich jetzt etwas, dass ich vorher nicht gehört hatte: das Wispern von Baumwipfeln hoch über mir.

Ich lag noch immer an der Stelle, an der ich gefällt worden war.

Es war also nicht zu Ende.

Mein altes Baumherz schlug mir bis zur Krone - das konnte denn doch alles nicht wahr sein: warum ausgerechnet ich ?

Frustriert und frierend fiel ich irgendwann in einen unruhigen Schlaf, in der Hoffnung, möglichst bald erlöst zu sein von diesen unbäumlichen Qualen. Kein frommer Wunsch, sicher. Aber wie gesagt, ich hatte eine schlechte Zeit hinter mir, fror erbärmlich und war bis ins Mark hoffnungslos enttäuscht - nur ein Heiliger konnte da noch standhaft bleiben! Und das war ich eben nicht, hatte ich doch in jungen Jahren ganz schön heftig herumgeflirtet mit den jungen Eichinnen in der näheren Umgebung - sehr zur Belustigung Aicks, der sich immer kaputtlachen wollte über meine hoffnungslosen Bemühungen.....aber, ich war jung , gut drauf und Aick durfte sich ja nun gar nicht beschweren; schließlich versuchte er selbst, nichts anbrennen zu lassen. Er machte das dezenter, ja.

Und wie hatten wir beide gelacht, als wir endlich bemerkt hatten das unsere Bemühungen doch so ganz und gar sinnlos gewesen waren...

Ach, Aick, alter Freund, wo bist du nur ?

 

Es ruckte, als man meine Überreste auf den schweren LKW lud. Ich war absolut bewegungsunfähig, konnte gar nichts tun als hilflos zu erkennen, dass das Spielchen weiterging. Wie lange denn noch! Jetzt reichte es aber langsam, die Stämme der Leidensgenossen sahen zwar auch nicht gerade gut aus, aber alle lagen ruhig da und machten keinen unzufriedenen Eindruck.

Immer ich.

War ich etwas besonderes, etwas, von dem alle Welt noch nicht wusste ?

Ich glaubte es nicht. Das konnte alles doch gar nicht wahr sein. Wieso war ich immer noch nicht im Baumhimmel !

Na schön, irgendwann hatte es aufgehört, das Frieren, die Müdigkeit war zum Teil noch da, aber es hatte sich etwas in mir breitgemacht.

Sozusagen eine Wohligkeit. Etwas sehr schönes, ein Gefühl das dir sagt: nichts, aber auch gar nichts kann dich mehr erschüttern.

Nichts verletzen.

Keiner kann dir mehr weh tun, du spürst garantiert nichts, wollte dir jetzt irgend so ein Mensch ein Herz in die Rinde schneiden.

Alles ist gut.

Es musste auf dem Transport eingesetzt haben, dieses Gefühl - begleitet von dieser wohligen Müdigkeit. War ich etwa doch schon.......nein, das konnte ja nicht sein, denn ich war noch immer da, wo ich seit Stunden war: auf einem LKW, beladen mit vielen anderen Leidensgenossen.

Oder doch ?

Zweifel kamen mir, - Zweifel, ob ich dies alles nicht nur träumte.

Ich konnte mich nicht zwicken, leider, um das festzustellen, denn meine "Zwick" und "Kratz"- Äste hatte man mir ja  genommen.

Leider.

Jämmerlicher Zustand, wenn man gewohnt ist, fast den Himmel mit seinem Geäst zu berühren und nun bewegungsunfähig, zusammen mit anderen Bäumen gepfercht auf einem LKW zusammengebunden transportiert wird !

Ach, was solls – ich will mich nicht beklagen.

Hatte ich doch ein schönes , langes Baumleben gehabt. Und das Sterben, ja - vielleicht dauerte es ja immer so lange ?

Schließlich war noch niemand zurückgekommen und hatte uns erzählt, wie lange es dauert und wie es da drüben aussieht.

Schade, eigentlich.

Oder: Gott sei Dank.

Jedenfalls fühlte ich mich eigentlich gar nicht so furchtbar unwohl in  meiner Haut,- die Müdigkeit kam wieder einmal bleiern, aber keineswegs unangenehm über mich und ich schlief ein.

 

Was war das nur schon wieder für ein Krach....das Geräusch kam mir allerdings sehr bekannt vor!

Erst hörte ich nur ein Singen, was aber nach und nach immer lauter und heftiger wurde. Und dann war es mir klar: das Geräusch von Sägen!

Schlagartig öffnete ich meine verschlafenen Baumaugen und traute denselben nicht!

Nicht nur, dass man mich mit so einem Ding von meinem Rumpf und damit von meinen Versorgungsleitungen getrennt hatte - jetzt sah es auch noch so aus, als würde man mich der Länge nach durchschneiden wollen!! Ich sah, wie zwei Bäume vor mir dieses Schicksal erlitten; innerhalb weniger Sekunden waren sie in eine ihrer Stärke entsprechenden Anzahl von Brettern geschnitten worden!

Aber ich hörte keinerlei Schmerzschreie meiner Mitstreiter - rein gar nichts. Komisch, das musste doch tierisch weh tun.

Ich wollte jetzt endlich in den Baumhimmel!

Bevor ich allerdings weiter meutern konnte, wurde ich gepackt, in die Schneidevorrichtung gelegt und Sekunden später war auch ich in sieben dicke Holzbohlen zersägt. Und was soll ich sagen? Ich habe aber auch rein gar nichts davon gespürt!

Jetzt kamen mir doch ernsthafte Zweifel, ob es überhaupt einen Baumhimmel gibt - oder war ich am Ende schon drin? Gerade wollte ich schon ein paar Harztränen weinen, da packten mich wieder ein paar Greifer und ich wurde heraus transportiert. Arbeiter trennten die einzelnen Holzschnitte mit kräftigen Spänen, sodass zwischen den einzelnen Bohlen die Luft zirkulieren konnte und weiter ging es nach draußen... hui, ziemlich schnell sogar. Hier lagen auf der einen Seite schon die Genossen, die vor mir dran waren, und als ich auf die andere schaute, glaubte ich wieder mal träumen. Aber meine Augen waren doch geöffnet! Ich schloss sie, um sie aber gleich wieder vorsichtig zu öffnen

Das konnte einfach nicht sein.

Aber er war es. Tatsächlich. Er war es wirklich.

Links von mir lag mein Freund Aick.

 

 

Ich traute meinen Augen nicht. Aick lag da und grinste mich an, als wäre nie etwas gewesen.

"Hättste nicht eher kommen können? War ganz schön langweilig hier... !"

Mir fiel ein Felsbrocken vom hölzernen Herzen als ich diese seine liebe Stimme endlich wieder hörte.

Ich sprudelte förmlich über und musste ihm genau erzählen, was nach seinem Abtransport alles geschehen war - er wusste im Gegenzug genau zu erklären, warum wir eigentlich hier waren und was uns erwartete.

Der Hersteller einer großen Firma hatte uns gekauft. Holzhäuser. Ganz was edles - alles nur vom Feinsten und nur deutsche Eiche.......

Aua.

Dazu mussten wir wohl oder übel zurechtgestutzt und in Scheibchen geschnitten werden, aber dann?

Meine Bedenken wurden aber sofort wieder ausgeräumt:

"Die bauen ein großes Blockhaus aus uns und den anderen hier. Wir alle werden nur einmal durchgeschnitten und beide Hälften werden übereinander verbaut - das tut zwar einmal weh, aber dann war es das auch....."

Na ja. Jetzt konnten wir also nur noch warten

Wir erzählten uns viel, verschliefen so manchen Tag und beobachteten das Treiben auf dem Firmengelände. Irgendwann war es denn auch so weit. Wir waren dran.

Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Ehrlich. Es machte nur einmal laut "ggggggrrrrrrriiiiiiiiinnnnnnngggggggg" und danach fühlte ich mich sehr leicht. Kein Wunder... ich war einmal in der Mitte durchgeschnitten worden. Komisch, die abgeschnittene Hälfte spürte ich gar nicht mehr. Es war, als gehörte sie gar nicht zu mir - Aick ging es ebenso.

Danach wurden wir wieder auf einen großen LKW verfrachtet und diesmal wurde es eine lange Reise - nach vier Tagen endlich kamen wir an im Schwabenland. Auf einem großen Grundstück am Waldrand war das Fundament des Hauses bereits gegossen und viele Arbeiter schafften emsig. Wir grüßten höflich die nahen Bäume - aber die waren ziemlich stur und würdigten uns keines Blickes.

Nach ein paar Wochen wurden wir "eingebaut" - unsere Befürchtungen, auf diese Art getrennt zu werden, bestätigten sich nicht: beide fanden wir an der großen Wohnzimmerwand unseren Platz... toll. Wir konnten aufatmen. Jetzt mussten wir nur noch die Hausbesitzer kennen lernen und sie mögen, dann war alles klar für die nächsten Jahrzehnte.....

Weitere Wochen verstrichen und wir schauten fasziniert zu, wie das Haus weiter wuchs und immer schöner wurde. Draußen hatte man noch eine große Garage aus Holz gebaut, einen Pferdestall, eine große Koppel mit Holz eingezäunt, ein Schwimmbad in den Rasen gesetzt, im Keller einen Fitnessraum eingerichtet doppelt so groß wie so manche Vierzimmer-Wohnung, eine Kellerbar... wer immer hier einziehen würde: arm war er sicher nicht.

Dann war es soweit.

Die Handwerker hatten ihre Arbeiten beendet, die Leute von der Möbelfirma die Räume sehr geschmackvoll eingerichtet und plötzlich war es so wahnsinnig ruhig hier. Wochenlang warteten wir. Einmal hörten wir, wie zwei Autos kamen. Aber niemand ging ins Haus und wenig später fuhr ein Auto wieder weg.

Wieder vergingen qualvolle Tage.

Dann endlich ein Schlüssel in der Eingangstür.

Sie mussten es sein.

Unsere Familie kam.

 

In den folgenden Jahren haben wir sehr viel erlebt in diesem Haus – angenehmes und unangenehmes, aber wir haben auch viel gelacht und überwiegend war die Zeit mit unserer Familie eine sehr glückliche Zeit... aber davon möchte ich gerne ein anderes Mal berichten, wenn`s recht ist.

Einverstanden?

Dann bis bald.

 

 

Euer Boom

 

copyr. Jochen Giebelmann, Kopieren oder Veröffentlichung nur mit Einverständnis des Autors

 



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