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Neulich auf der Hundewiese

von Marion Lochner

„Ja was haben Sie denn da für zwei hübsche Hunde, sind das Mama und Tochter?“
Nein, sind sie nicht. Der Rüde kommt aus der deutschen Nachbarschaft und die Hündin aus einem ungarischen Tötungslager.
„Wirklich? So tolle Hunde haben die da?“
Ja natürlich, antworte ich mal wieder, man muss sie nur sehen wollen. Mit einem Seitenblick auf den Hund, den die Dame Gassi führt. Ein wunderschöner Retriever, ca. 6 Monate alt und natürlich noch - hm, sagen wir mal „recht wenig erzogen“. Aber macht ja nichts, ein hübscher Kerl ist er auf jeden Fall. Und stürzt sich ohne Rücksicht auf Verluste erst mal auf meine Beiden.

Freundlich wie sie nun mal sind, lassen sie die Attacken über sich ergehen. Rouven geduldig wie immer und Lena macht sogar noch mit bei der wilden Toberei.
Was den beiden Frauchen die Gelegenheit zu einem Gespräch gibt …

Bei einem Züchter in xy habe sie ihren Welpen geholt, erzählt Finos Frauchen. Sie hätte ein paar Mal mit dem Herrn  telefoniert, sich die Papiere faxen lassen und alles klargemacht. Als Fino 8 Wochen alt war, hätten sie ihn nachhause geholt.

„Ihre Zwei haben wohl keine Papiere?“ fragt sie noch und guckt den 10jährigen, mittlerweile schon sehr grau um die schwarze Schnauze werdenden Rouven an, der es sich an meiner Seite gemütlich gemacht hat. Für heute und bei der Wärme ist er schon genug gelaufen, denkt er sich wohl.

Nö, Papiere haben die alle Zwei nicht. Sind ja Mischlinge.
„Ach wirklich? Die Schwarze mit der weissen Brust (damit ist Lena gemeint) ist so hübsch, da hätte ich aber schon vermutet, dass es da irgendetwas Schriftliches gibt“

Ja, gibt es auch: Den Schutzvertrag der Tierschutzorga, die Lena, samt ihren Welpen, aus dem Tötungslager - mehr tot als lebendig - geholt und aufgepäppelt hat.


Wieder mal erkläre ich einem Mitmenschen, unter welchen Bedingungen Hunde heute in vielen Teilen Europas noch leben - oder sterben - müssen:

Dass sie einfach auf die Strasse gesetzt werden, vertrieben, getreten, misshandelt, eingefangen, vergast, durch eine Giftspritze „erlöst“ und wenn man dafür das Geld sparen möchte: Einfach erschlagen werden.

Wieder mal wird mein Gegenüber blass, meint, dass man da doch etwas tun müsse!
Auch diesmal bejahe ich:

Aufklärung vor Ort betreiben, die Hunde kastrieren und diejenigen, die im Heimatland keine Chance auf Vermittlung haben, ins  Ausland vermitteln. Nämlich die, die schon älter sind, vielleicht krank und behindert, die Grossen, oder die Schwarzen, die im Herkunftsland einfach niemand haben will.

Für sie wäre das nichts, meint Finos Frauchen, man wüsste ja nie, was man sich da einhandelt. Die Prägungsphase in den ersten Lebenswochen wäre doch so extrem wichtig hätte sie gehört, wenn da nix geht, geht gar nix mehr … Und überhaupt, könnte „so ein Hund“ ja alles mögliche einschleppen, krank sein, teuer werden, weil man ständig zum Tierarzt muss, usw. usw.

An dieser Stelle erzähle ich immer, mit einer Träne im Auge, von Cora, meiner Zaubermaus.

Cora, die 10 Jahre alt war, als man sie zusammen mit ihren Welpen aus einem rumänischen Brunnen fischte und nach Deutschland in ein süddeutsches Tierheim brachte. Sie hatte vermutlich als Strassenhund ihr Dasein gefristet, kannte vom menschlichen Leben ausser Tritten, Schreien und Misshandlungen gar nichts. Cora - deren Welpen naturgemäss schnell vermittelt wurden - für die selbst sich aber aufgrund ihres Alters und ihres - damals noch erbarmungswürdigen Aussehens - niemand interessierte. In all den 9 Monaten Aufenthalts in einem deutschen Tierheim nicht …

Kopfschüttelnd nimmt mein Gegenüber einen Schritt Abstand von mir - da muss sie wohl auf eine Spinnerin getroffen sein … auch das ist eine Reaktion, die ich kenne …

Aber gewöhnlich habe ich mich zu diesem Zeitpunkt schon so in Aktion geredet, dass mir das gar nicht mehr gross auffällt. Ich schwärme von Cora, von ihren ersten kleinen Erfolgen, vom ersten Mal, als wir sie anfassen durften, vom ersten Mal, als sie ruhig an der Leine lief, von der ersten Nacht, die sie ruhig durchgeschlafen hat, vom ersten Morgen, an dem sie uns schwanzwedelnd begrüsste.
Davon, dass eine grossartige Erziehung bei ihr gar nicht notwendig war, weil sie sich in allem, was sie tat, an unserem Rüden Rouven orientierte. Dass sie ohne Leine und ohne Stress mit mir durch den Wald gewalkt ist, Rehe, Hasen und anderes Getier sie dabei überhaupt nicht interessierten, Hauptsache, Familie und Rouven waren da …

Und dass der grosse, schwarze Huskymix-Hektiker Rouven durch die alte Dame so viel Ruhe und Zufriedenheit vermittelt bekam, dass auch er auf grössere Jagdausflüge im Wald verzichtete, Cora, auf die man aufpassen  musste, war ja da …

Dass Cora unserer Familie noch fünf wunderschöne Jahre geschenkt hat, in der wir unser Verhältnis zu einem Hund ganz neu entdeckt haben. Dass es nicht immer leicht war, dass es auch schwere Zeiten gab, aber dass sich jede Minute mit diesem „alten Hund“ für uns mehr als in einer Hinsicht gelohnt hat.

Dass es unsagbar schwer und traurig für uns Alle war, die Zaubermaus dann doch gehen zu lassen, aber dass sie mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht für immer eingeschlafen ist und dass sie eine Familie zurückgelassen hat, die sich immer wieder für einen Hund aus dem Tierschutz entscheiden würde …

Nach Cora ist es für uns keine Frage mehr, dass wir, wenn Rouven oder Coras Nachfolgerin Lena über die Regenbogenbrücke gehen, ganz sicher wieder einen älteren Hund aus dem Tierschutz zu uns holen. Vielleicht wieder einen sehr ängstlichen, vielleicht einen der taub ist, vielleicht auch wieder einen Schwarzen, oder einen mit einem körperlichen Handicap, einen Hund, den - scheinbar - niemand haben mag.

Aber ganz sicher einen Hund mit Vergangenheit!

Denn wenn wir Eines gelernt habe, dann das:
Es war sehr viel schwieriger, den 8 Wochen alten Rouven zu erziehen, als eine unserer beiden Ladys. Sie haben sich in unser Leben geschlichen, sich ihren Platz darin erobert und sind nicht mehr daraus wegzudenken. Wir haben wahre Altersweisheit kennengelernt, Souveränität, wo wir sie gar nicht vermuteten, eine Riesenportion Mut, sich an neue Dinge zu gewöhnen und vor Allem: Eine unendliche Gelassenheit …

„Und“ gebe ich der Dame noch mit auf den Weg, „wenn Sie irgendwann über einen Zweithund nachdenken, oder ihr Fino nicht mehr ist, dann gehen Sie in ein Tierheim, schauen Sie ins Internet und sehen Sie diesen Hunden in die Augen. Wenn Sie das nicht tun, könnte es sein, dass Sie Ihren Lebenspartner Hund übersehen, der vielleicht schon seit Jahren auf gerade Sie gewartet hat.“

Etwas verwirrt sieht mich Finos Frauchen an und verabschiedet sich dann, sie muss in die Welpenspielstunde (was ich übrigens sehr löblich finde).

Ob ich sie erreicht habe und sie sich - wenn auch nur kurz - Gedanken macht?
Wieder mal weiss ich es nicht, aber ich werde nicht aufhören, die Geschichte meiner Tierschutzhunde zu erzählen, denn:

Es zählen nicht die Jahre im Leben, sondern das Leben in den Jahren !

 

Alle Rechte bei Marion Lochner



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